Dual Di 13 März 2018

Balkantour Zweiter Teil

Ich überquere die Grenze (rasch und ohne Schwierigkeiten) und mir ist sofort zum Lachen als ich die unverständlichen Straßenschilder sehe: Ab hier wird kyrillisch geschrieben und das Lesen wird für mich zum Problem. Zum Glück sind die Schilder in den größeren Städten in lateinischen Buchstaben. Für alle Fälle habe ich mir eine Karte besorgt, auf der die Namen in beiden Schriften geschrieben sind, eine wertvolle Hilfe. Die Strecke fährt sich ohne Probleme, die Straßen sind gut und werden voller, wenn ich näher an die Küste komme. Ich komme durch Varna, Obzor und Aheloy bis zur türkischen Grenze. Das Überqueren der Grenze dauert etwas, da dieses Land nicht zur Europäischen Union gehört. Man muss zum Immigrationsschalter gehen um die persönlichen Dokumente in Ordnung zu bringen und sich dann noch um den Import des Motorrads kümmern. Nachdem ich das Dokument, das mir die Ausreise ermöglicht, entgegengenommen habe, werden das Gepäck und die Rahmennummer der Maschine kontrolliert. Nach rund 40 Minuten befinde ich mich endlich auf den Straßen des Landes mit dem Halbmond. Das hat eine zwiespältige Wirkung auf mich; zum einen, weil es ein Land ist, das von Attentaten heimgesucht wird (Alberto, sei wachsam) und zum anderen, weil es nicht das erste Mal ist, dass ich die Türkei bereise. Im fernen 1983 (vor 34 Jahren!) reiste ich mit einem einfach ausgestatteten Transporter von Grosseto bis nach Istanbul. Die Stadt hat mich schon damals fasziniert und mit all ihren Wunderwerken in ihren Bann gezogen, angefangen mit ihren Moscheen. Und auch diesmal ist der Grund, warum ich über die Grenze gefahren bin, eine Moschee, der Besuch der Selimiye-Moschee in Edirne, von der man viel Gutes hört. Ich setze die Fahrt fort und komme über gut erhaltene breite Straßen mit wenig Verkehr zum nächsten Etappenziel: Kirklareli. Eine Stadt, die mir abgesehen von einigen Hinterlassenschaften am Straßenrand recht sauber und ordentlich vorkommt. Ich verweile vor den vielen Geschäften, in denen türkischer Schmuck verkauft wird, meine Aufmerksamkeit wird jedoch von dem Miesmuschel-Verkäufer angezogen, der mich mit seinem Karren mitten auf dem Fußweg anlockt. Ich lasse es aber lieber, da ich unerwünschte Nebenwirkungen befürchte. Im Großteil der Geschäfte wird Essen verkauft, es gibt viele Kebab-Läden, Konditoreien und Eisdielen. Die Frauen sind gekleidet wie es in der muslimischen Religion üblich ist, große und kleine türkische Fahnen flattern überall und aus allen Richtungen schaut der amtshabende Präsident von seinem Porträt auf dich herab. Während ich durch dieses Labyrinth spaziere und an einer Moschee mit ihrem Minarett vorbeikomme, beginnt der Gebetsruf. Anstelle des Muezzins gibt es Lautsprecher, aus denen ein (für mich) unverständliches Klagelied dröhnt. Ich sehe, dass viele Menschen hineingehen, auch in anliegende Moscheen, es ist Gebetszeit. Bei uns läutet der Priester die Glocken, hier dagegen wird mit einer verbalen Botschaft gerufen. Ich würde gerne in eine Moschee mit hineingehen, aber der besonnenere Teil in mir bringt mich dazu, weiterzugehen.
Und dann bin ich in Edirne. Am Ortseingang sehe ich Bunker aus Zement mit Schießscharten, Soldaten in Kampfausrüstung und gut sichtbare Gewehre und Maschinengewehre. Der Terrorismus hat dieses Land mehrmals heimgesucht, vor allem in Istanbul, und es ist verständlich, diese Vorsichtsmaßnahmen vorzufinden. Da ich das nicht gewohnt bin, fühle ich mich aber trotzdem etwas unwohl. Ich komme ins Zentrum und mir bleibt augenblicklich der Atem weg angesichts der Wirkung dieses einzigartigen Schauspiels. Die Selimiye-Moschee liegt zu meiner Rechten, am höchsten Punkt des Platzes, das war optimal geplant, Kompliment! Bevor ich hineingehe, lasse ich ihr Äußeres auf mich wirken. Sie ist beeindruckend, im typischen Stil: vier Minarette (die höchsten der ganzen Türkei) umgeben sie und ihre Farben sind üppig, vor allem die blauen Kacheln. Ich durchquere einen großen Hof, der von Mauern und Säulen umgeben ist, gelange zum Eingang und muss natürlich, wie in jeder Moschee, die Schuhe draußen lassen. Ich schaue meine Motorradstiefel an und muss lachen, sie fallen neben den ganzen anderen „normalen“ Schuhen auf. Ich werde am Eingang von einem Wächter und einem Jungen empfangen – wahrscheinlich sein Sohn. Mit einem breiten Lächeln zeigt er mich dem Kind und erklärt ihm – so glaube ich wenigstens – dass ich ein Motorradfahrer bin und deswegen diese Kleidung trage. Er will mit mir ein Foto machen. Im Innern der Moschee bewundere ich den riesigen Raum, die Teppiche und die Lampen, die von der unglaublich hohen Decke hinunterhängen, nirgendwo befinden sich Figuren oder Bildnisse. An die Wände sind enorme Flächen mit Inschriften gemalt (ich erinnere mich aus Istanbul daran), deren Bedeutung ich nicht kenne. Im Raum verteilt befinden sich viele Menschen in der klassischen Gebetshaltung, alle in die gleiche Richtung nach Mekka gewandt. Ich mache Fotos und Filme, merke aber, dass das nicht gerne gesehen wird. Ich denke an die Persönlichkeiten die diesen Boden betreten haben müssen, da die Moschee aus dem Jahr 1568 stammt. Zum Glück war der letzte Kreuzzug 1302, daher ist sie noch vollständig erhalten. Nicht wie die Hagia Sofia in Istanbul, die von einer christlichen Kirche in eine Moschee umgewandelt wurde und umgekehrt. Ich verabschiede mich von diesem Ort des Gebets und sinne darüber nach, wie wir heute den Islam sehen, unsere Sicht ist geprägt durch die Attentate und die flüchtenden Menschen. Es ist schade, dass die Völker mit verschiedenen Kulturen und Religionen, sich nicht besser verstehen, aber dazu haben auch wir Christen unseren Teil beigetragen, man denke bloß an die Zeiten der Heiligen Inquisition!
Angrenzend befindet sich die kleinere Cami-Moschee, die auf das Jahr 1414 zurückgeht und ein Kleinod ist. Ich gehe hinein aber – vielleicht, weil sie so klein ist und voller betender Menschen – vereinzeltes Getuschel mit unfreundlichen Blicken lassen mich verstehen, dass ich nicht sehr willkommen bin. Ich grüße und gehe hinaus. Ich gehe auf den großen Bazar, der mich aber etwas enttäuscht (die Erinnerung an Istanbul lässt mich nicht los), viele Stände mit verschiedenen Waren, aber nichts Besonderes.

Ich breche wieder auf, um über Griechenland nach Bulgarien zu fahren. Mittagspause in einem Park, während ich dort bin, nähert sich mir ein Straßengemüseverkäufer und schenkt mir zwei Tomaten. Wie schön, ich bin überrascht und nehme sie gerne an, sie sind die Beilage für mein eher karges Mahl. Sehr lecker. Bevor ich wieder losfahre, danke ich ihm und da ich bemerkt habe, dass er raucht, schenke ich ihm eine meiner Zigarren, die er sehr gerne nimmt. Eine Umarmung, ein Gruß, ein Selfie und dann bin ich wieder unterwegs mit der schönen Erinnerung an diese kleine Episode, zusammen mit anderen, die ich in Erinnerung behalte. Zusammentreffen mit freundlichen und kontaktfreudigen Menschen, die ich auf allen meinen Reisen erlebt habe. Das sind Bereicherungen für das Gemüt.
Die Straße ist angenehm, sie steigt in weichen Kurven bis auf ungefähr 600 Meter an, vor Ardino übernachte ich.
Auf der Etappe, die mich nach Sofia bringen soll, entdecke ich eine fantastische Nebenstrecke mitten durch die Natur. Die Fahrbahn ist zwar nicht breit aber sie steigt bis auf 1800 Meter Höhe an und bietet schöne Aussichten, die ich von oben bewundere: unheimlich hohe Tannen und kein Mensch weit und breit. Donnerwetter, was für ein Ort! Dann besichtige ich das Kloster von Bachkovski.
Von dort geht es zum Shipkapass auf 1300 m Höhe auf einer breiten Straße mit gutem Asphalt und angenehmen Kurven. Als ich oben auf dem Pass ankomme, sehe auf dem Gipfel ein großes Gebäude. Neugierig geworden fahre ich einen Umweg und gewinne auf einer gepflasterten Straße an Höhe, bis ich dorthin gelange. Es ist ein Denkmal, ein Ossarium, das an die Schlacht von 1877 zwischen Russen und Türken erinnert, in der für die Unabhängigkeit Bulgariens nur 6000 Männer ganze 30.000 Osmanen in die Flucht geschlagen haben. Ein Stück weiter entfernt auf dem Gipfel, befindet sich eine Zement-Konstruktion, ein imposanter Obelisk, der das Tal beherrscht und an die Gründung der Sozialdemokratischen Bulgarischen Partei erinnern soll, die dann kommunistisch wurde. Klar, woanders konnten sie ihn nicht errichten! Ich bin perplex! In Gabrovo übernachte ich.  
Am nächsten Tag komme ich in Sofia an. Ich komme von den Gipfeln einiger Hügel her, die dicht an die Hauptstadt heranreichen und habe somit den Ausblick über die ganze Stadt. Der Himmel darüber gerötet, was mich an Rom und seine Luftverschmutzung erinnert. Auch wenn Sofia nur um die 1.300.000 Einwohner hat, erzeugt sie wohl eine ziemliche Verschmutzung. Hätte ich nicht gedacht. Am Nachmittag kommen wie vereinbart Jacov und seine Frau. Ja, der Freund, mit dem ich mich treffe ist mein Trainer-Kollege, ein Trainer im Bulgarischen Volleyball, den ich vor Jahren während der Spielzeit beim Volley Pescia kennengelernt hatte, wo er vor circa 20 Jahren hingezogen ist. Er schlüpft für mich in die Rolle des Fremdenführers und nimmt mich nicht nur in seine Wohnung mit, sondern begleitet mich mit dem Auto auf einer Minitour durch die Hauptstadt. Herrlich dieser Austausch, in einem Land, das du nicht kennst mit einer Person, mit der du selten die Gelegenheit zum Treffen hast.
Am frühen Morgen komme ich im Zentrum Sofias an und beginne meine Besichtigungstour beim Kennzeichen der Hauptstadt: Der Kathedrale Alexander Newski. Der Anblick ist fantastisch, auf dem großen Platz wirkt sie immens. Wunderschön dieses Spiel der Kuppeln, die sich aneinanderreihen und gegenseitig stützen. Ich laufe einmal um sie herum und genieße den Anblick mit den schräg auf sie treffenden Sonnenstrahlen, die ihre mit Gold bedeckten Dächer zum Funkeln bringen und sie irreal wirken lassen. Beim Hineingehen bin ich jedoch leicht enttäuscht: Nach der grandiosen äußeren Schönheit bleibt der Innenraum mit Sicherheit hinter meinen Erwartungen zurück, was nicht heißt, dass er nicht sehenswert ist. Danach bewege ich mich an den enormen Verkehrsadern entlang. Der nächste Halt, als Gegenstück zur Weite der Kathedrale, ist die kleine russische Kirche Sweti Nikolaj, die wie ein Diamant in das Stadtbild eingefügt ist. Hier gibt es keine Enttäuschung, weder außen, noch innen. Die Struktur ist kleiner, drückt und strahlt aber eine große Kraft aus. Das Innere ist reich an Details, Fotos sind nicht erlaubt, ich „klaue“ trotzdem zwei. Die großen Straßen dieser Hauptstadt strahlen Ruhe aus, Sauberkeit, Heiterkeit und Stille, auch wenn der Verkehr und die Geschäfte einer Hauptstadt entsprechen. Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, ich bin von der Umgebung überrascht. Ich bestaune die enormen Parlamentsgebäude, den Präsidentenpalast und den der Justiz und noch andere kleine Kirchen, wobei ich auch eine Moschee entdecke. Sofia hinterlässt einen positiven Eindruck bei mir.
 

Ich verlasse Bulgarien mit dem Ziel Serbien. Bis zur Grenze komme ich ohne Probleme. Die bulgarischen Formalitäten sind schnell erledigt, genauso wie die serbischen. Ich fahre über die Grenze und bis Nis, wobei sich normale Straße mit Autobahnabschnitten abwechselt (der Bau wird bald abgeschlossen) und komme zum Treffpunkt mit Stefania. Sie zeigt mir ein bisschen das Zentrum und die Kathedrale. Dann erliegen wir jedoch der Verlockung und flüchten vor der brütenden Hitze ins kühle Haus. Vor einer Tasse gut gebrauten Kaffees unterhalten wir uns über Motorräder und Reisen und tauschen uns über die noch nicht so lange zurückliegende Südamerikareise aus.
Am nächsten Tag besichtigen wir das, was vom Skull Tower übrig ist, einem 8 Meter hohen Turm auf einem quadratischen Fundament, der von den Türken in der Zeit der Balkaneroberung erbaut wurde. Er diente mit seiner abschreckenden Wirkung als Mahnung an alle, die die osmanischen Truppen herausfordern wollten: In diesem Turm wurden die Schädel der Gefallenen verbaut (circa 952!). Später wurde es ein Konzentrationslager, in dem die Nazis Serben, Juden, Slawen und Partisanen internierten. Auf den Mauern ist immer noch zu sehen, wie Insassen die Tage gezählt haben. Derartige Orte zu besuchen, erzeugt immer ein beklemmendes Gefühl, wenn man an die Menschen denkt, die dort leben mussten. Die Bosheit der Menschen kennt keine Grenzen (und das hat sich heute nicht geändert).
Am Morgen verabschiede ich mich von Stefania, die eine tolle Führerin und Gastgeberin war, und nehme Kurs auf die Donau. Bis Negotin reise ich durch Wälder und Hügel. Dann beginnt die Straße, die an der Donau entlang führt, welche bis Ram die Grenze zwischen Serbien und Rumänien bildet. In Sip entdecke ich einen hydroelektrischen Staudamm, der den Lauf der Donau sperrt und auch als Brücke zwischen den beiden Ländern dient. Die Straße, die ich am Fluss entlang fahre, ist gut, Kurven und Tunnel wechseln sich ab. Sie führt auch etwas in die Höhe, die Hänge der Berge hinauf, die den Fluss eingrenzen. Und da ist auch schon das Eiserne Tor. Dieser Ort hat mich seit meiner Schulzeit beeindruckt, als mein Lehrer in Erdkunde diesen Teil des Donaulaufs erklärt hat. Von da an machte ich mir alle möglichen Vorstellungen, wie er wohl aussehen könnte und nach so vielen Jahren kann ich die Neugier nun stillen. Es handelt sich um einen 3 Kilometer langen Flussabschnitt mit einer Breite, die zwischen 160 und 250 Metern variiert. Die Aussicht ist wunderschön, ein betörender Anblick. Ich komme an Veliko Gradiste vorbei und nehme von dort aus Kurs auf Belgrad, das ich am darauffolgenden Tag erreiche.
Es ist leicht in Belgrad in die Stadt zu gelangen, aber die Gebäude die ich vorfinde sind unansehnliche, rechteckige Kastenbauten ohne Logik, in große Höhen ragende architektonische Monster. Hl. Sawa, die größte orthodoxe Kirche der Welt (so eine Art Petersdom für orthodoxe) ist mein erstes Ziel. Sie lugt hinter den Bäumen hervor, die sie umgeben, geziert mit einem schönen Wasserbecken mit Springbrunnen – es gibt viele davon in der Stadt. Auch wenn die Wirkung nicht mit dem Effekt der Kathedrale von Sofia zu vergleichen ist, ist sie doch bemerkenswert, ihre Ausmaße beeindruckend. Nachdem ich sie von außen betrachtet habe, gehe ich hinein, wo mich eine Enttäuschung erwartet. Aufgrund von Restaurierungsarbeiten ist sie überall abgesperrt und man sieht nichts. Schade, denn die Decke hat einen 30 Meter großen Durchmesser mit einem Bildnis Christi. Betrübt wende ich mich zum Hinausgehen, als ich auf ein Kommen und Gehen von Menschen auf einer Treppe aufmerksam werde. Ich lese „Krypta“ und gehe hinunter. Donnerwetter, was die hier unter Krypta verstehen! Bei uns bin ich dunkle und kleine Räume gewöhnt, hier dagegen braucht man eine Sonnenbrille! Beeindruckend und schön mit all dem Gold und dem Weiß des Marmors, überall leuchtet und glänzt es. Sehr schön auch der Leuchter, das Ganze überrascht mich! Im Zentrum der Stadt finde ich bedeutende historische Gebäude und weitläufige Plätze. Am Flussufer entdecke ich die Statue des Siegers, ich überquere die Ada-Brücke, die in neuerer Zeit gebaut worden ist und verlasse die Stadt. Ich fahre Richtung serbisch-bosnischer Grenze. Wieder einmal bezeichnet eine Brücke die Grenze. Auch hier sind die Papiere schnell erledigt. Die Straße wird ein bisschen abwechslungsreicher, die Ebene weicht Bergen und ich erreiche Höhen von bis zu 800 Metern, wenigstens ein bisschen Frische. Sofort stelle ich fest, dass jedes Dorf eine Moschee hat, es gibt nur wenige Kirchen mit Kreuzen darauf. Dies ist eine überwiegend Muslimische Gegend. Nach der Überquerung eines Hügels komme ich in Sarajevo an und stelle fest, dass die Stadt in einem Tal liegt und ihre Ausleger bis auf die Hänge der Hügel drum herum reichen. Nachdem ich ein wenig am Fluss entlang gelaufen bin, biege ich in die Straßen der Fußgängerzone des Stadtzentrums ein. Sofort merkt man die Islamisierung von Sarajevo. Mir ist als wäre ich in einem arabischen Land. Sicher, es gibt auch Touristen aber die Einheimischen sind beeindruckend, vor allem die Frauen mit dem Tschador oder dem Niqab, nur die Burka habe ich nicht gesehen. Ich bin bestürzt, von Jung bis Alt sind alle verhüllt. Ich lächele wenn ich Frauen mit Niqab sehe, der nur die Augen frei lässt, denn wer eine Brille trägt hat Schwierigkeiten, da sie nicht an den Ohren anliegt. Ich würde sie gerne fotografieren aber wahrscheinlich ist das keine gute Idee. Ich versuche ein paar Schnappschüsse zu „rauben“, aber darauf sieht man nicht viel. Nach den letzten Kriegen und Gemetzeln regiert hier jetzt der Islam. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht sehr wohl fühle.
Während ich am Tag darauf auf der Straße fahre, mit der ich Sarajevo hinter mir lasse, bemerke ich immer wieder entlang der Straße Friedhöfe mit kleinen weißen Grabmalen, obwohl es in der Nähe keine Ortschaften gibt. Ich ahne, dass sie von Massengräbern des noch nicht lange zurückliegenden Konflikts stammen. Die Straße führt an einem künstlichen See entlang, hübsch, durch seine Reflexe sieht es aus als wären wir im Hochgebirge. In Mostar treffe ich auf ganze Touristenhorden. Ich gehe zwischen langen Reihen von Souvenirständen und Geschäften hindurch zur berühmten Brücke. Ich komme an und verweile in Stille, um sie zu betrachten. Ich denke dran, wie es war, als sie zerstört worden war und was für eine internationale Resonanz es gab, wie auch der Konflikt. Aber nur wenige unternahmen etwas. Wir reden immer von Hitler, von seinen Konzentrationslagern, aber von all diesen Massengräbern? Wo es keine Interessen gibt (sprich Öl) interessiert das keinen, noch nicht mal den Vatikan! Ich fahre wieder los in Richtung Meer über die bosnisch-kroatische Grenze. Eine schöne Schlange erwartet mich auf der Straße aber ich schlängele mich durch und treffe eine slowenische Frau mit einer Harley, die auf dem Heimweg ist. Respekt! In Bosnien sind die Papiere in Ordnung, das kroatische Zollamt ist geschlossen, daher geht es ohne Kontrollen weiter. Ich komme in Ploce an der Adriaküste an. Ab hier beginnt ein fantastisches Meer von einem betörenden Blau und extremer Klarheit. Ich war schon vor 34 Jahren hier (damals hieß das Land noch Jugoslawien) aber ich hatte es nicht mehr so schön in Erinnerung: die auf und ab führenden Wege, die dich die kleinen Buchten genießen lassen und die Unendlichkeit des Meers. Wegen der großen Hitze suche ich gegen 12 Uhr mittags einen schattigen Platz. Ich find ihn ganz in der Nähe, die Leute sind im Wasser. Am liebsten würde ich mit der Maschine und allem Drum und Dran Anlauf nehmen und mich hineinstürzen. Unter anderem weil „La Rossa“ so heiß ist, das man auf ihr ein ganzes Florentiner-Steak braten könnte! Während ich dort raste, kommt ein anderer Biker, Pippo aus Lausanne, der auch erschöpft ist. Er fährt eine Harley 1460. Wir essen und plaudern über Motorräder und Reisen. Wir verabschieden uns, nicht ohne unsere Namen und Adressen ausgetauscht zu haben, um uns noch mal treffen zu können. Man weiß ja nie! Dann erreiche ich Podstrana.   
Aufgrund der großen Hitze beschließe ich am nächsten Tag in einem durch bis nach Hause zu fahren. In Spalato fahre ich auf die Autobahn bis nach Fiume und überquere die Grenze zu Slowenien, fahre dann nach Trieste und weiter, Richtung Heimat. Nach einer Gewalttour von 990 km komme ich um 19.45 zu Hause an, genau richtig zum Abendessen. Meine Cristina ist überrascht, sie hat mich nicht erwartet! Die Freude ist groß.

Alles in allem eine schöne Reise, insgesamt waren es 25 Tage und 8018 gefahrene Kilometer, mit einem Tagesdurchschnitt von 330 Kilometern. Es war gar nicht so anstrengend, nur auf der zweiten Hälfte der Tour hat mir die große Hitze etwas zu schaffen gemacht. Die Hotelkosten waren unterschiedlich und schwankten zwischen 15 bis 60 Euro. Die Benzinpreise blieben unter den veranschlagten Kosten, da in Rumänien, Bulgarien, der Türkei und Serbien der Preis weniger als 1 Euro pro Liter beträgt. Meine „Rossa“ hat sich wie immer sehr gut gehalten und schlägt nur mit einem Verbrauch von 900 Gramm Öl zu Buche. Die Tourance-Reifen von Metzler waren wie immer fantastisch, sowohl was ihren Halt, als auch den Verbrauch angeht. Es gab keine Probleme mit Dokumenten oder der Gesundheit. Auch der Kontakt mit den Einheimischen vor Ort war gut und mit der richtigen Haltung kein Problem. Was soll ich sagen, eine fantastische Reise im Alleingang, die meine Kenntnis der Welt um mich herum wieder einmal bereichert hat. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich das alles erleben konnte. Eine Urlaubsreise, die ich nur jedem empfehlen kann.
Ich hoffe es war genauso angenehm, diese Zeilen, die euch auf die Straßen mitgenommen haben, die ich mit meiner „Rossa“ gefahren bin, zu lesen.
Ende

Text und Foto: Alberto Marconcini

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