Dual Do 25 Oktober 2018

Das HAT mir gerade noch gefehlt: Hard Alpitour 2018

Es ist Anfang August, die Ferienzeit beginnt und an das Motorrad ist gar nicht zu denken, denn der Urlaub wird natürlich mit der Familie verbracht. Mit dem Gedanken daran, dass ich die Maschine drei Wochen lang nicht bewegen würde, schaue ich etwas melancholisch auf den Motorrad-Veranstaltungskalender als ich lese „8.-9. September Hard Alpitour“. Na klar! Die HAT! Da darf ich nicht fehlen! Es ist die zehnte Edition… aber inzwischen ist es zu spät, es gibt bestimmt keinen Platz mehr.
Ziemlich geknickt rufe ich in der Redaktion an, um zu hören, was es Neues gibt und wie die Kollegen den Urlaub verbringen und erwähne nebenbei meinen Frust über die verpasste HAT 2018. Pietro denkt nur kurz nach bevor er mir vorschlägt, im Auftrag von Discovery Endual daran teilzunehmen. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen, ich lege auf und begebe mich in die Garage, um meine KTM 1290 Super Adventure S vorzubereiten – zugegebenermaßen sehr frühzeitig. Vielleicht ist es nicht das geeignetste Motorrad, aber mit einem schönen Satz Speichenfelgen und Stollenreifen werden wir trotzdem viel Spaß haben.  
Dann ist der 7. September da und ich breche mit dem Ziel der ligurischen Küstenstadt Sanremo auf, wo die Organisationscrew sitzt und der Startpunkt dieses Motorradritts liegt, der bis zum Turiner Alpenort Sestriere führen wird. Auf dem Weg mache ich bei Pietro halt, um den schicken Enduro-Helm LS2 Subverter abzuholen.
Ich komme um halb sieben im Hotel an, genau richtig um schnell duschen und rechtzeitig zur Präsentation der Veranstaltung zu erscheinen.
Nach der Vorstellung der Sponsoren, die diese Veranstaltung ermöglicht haben, wird die HAT 2018 vorgestellt, übrigens die einzige italienische Enduro-Adventuring -Veranstaltung, die vom Motorradweltverband anerkannt ist.

Dieses Jahr gibt es eine Rekordausgabe: 480 Anmeldungen, die Teilnehmer kommen aus 16 verschiedenen Nationen. Dabei die inzwischen prominente Amy Harburg, die aus Australien kommend Asien und Europa durchquert hat, zahlreiche Ex-Dakar-Fahrer wie Bruno Birbes, Aldo Winkler und Brenno Bignardi, die mit ihrem Start um Mitternacht in der Extrem-Katogorie den Reigen eröffnen. Dann ist da der jüngste Teilnehmer mit ganzen 10 Jahren, Mario Ciaccia, der in all den zehn Jahren nicht einmal gefehlt hat und Nicola Dutto, der Champion auf dem Motorrad und Meister in der Lebenskunst, der uns lehrt, dass das Leben ein Geschenk ist und auch unter schwierigen Bedingungen voll auszuschöpfen ist.
Die HAT ist in drei Kategorien unterteilt, die sich in Schwierigkeit und Länge unterscheiden: Extreme mit 900 km, Classic mit 580 km (die ich fahre) und Adventuring mit 480 km bei der eine starke weibliche Präsenz zu verzeichnen ist, ein Beleg dafür, dass Enduro tatsächlich keine exklusive Männersache ist.
Die Weltpremiere des Prototyps der Yamaha Ténéré 700 und ihre Teilnahme an der HAT mit keinem geringeren als Alessandro Botturi ist die Attraktion dieses Jahres.
Am nächsten Tag um 12 Uhr fällt der Startschuss für meine Kategorie und nach nur wenigen Minuten geht’s auch für mich los, zusammen mit zwei Reisegefährten.
Es gibt hier Motorräder für jeden Geschmack, einige davon super ausgestattet und meine Bedenken wegen der Wahl meiner Maschine werden größer. Noch dazu schleppe ich, um für alle nur denkbaren mechanischen Notfälle gewappnet zu sein, einen prallgefüllten Rucksack mit mir rum, mit allem Möglichen, inklusive Schlafsack.
Die Straße beginnt sofort mit einer steilen Steigung ins Gebirge in Richtung Sestriere und nur wenig später wird die Tanzfläche für die Enduro-Freaks eröffnet.
Die Strecke ist nicht sehr einfach aber meine K verhält sich tadellos, auch wenn das Gewicht gut zu spüren ist.
Inmitten der wunderschönen ligurisch-piemontesischen Natur vergehen die Kilometer wie im Flug.
Ich habe bald einen optimalen Rhythmus gefunden, als ich merke, dass hinten etwas nicht stimmt. Ich schaue hinunter und bemerke das unübersehbare rote Blinken der Anzeigenleuchte des Reifendrucks, das bedeutet niedriger Druck auf dem Hinterrad.

Och nee, muss das gerade jetzt sein? Voller Frust halte ich sofort an aber der Gedanke daran, dass ich im Rucksack alles habe, was ausreichen würde, um einen thermonuklearen Weltkrieg zu überstehen, tröstet mich …
Außerdem hält eine Tenere-1200-Gruppe an, und die Fahrer helfen mir, den Reifen zu reparieren.
Ich fahre mit ihnen zusammen wieder los und zügig kommen wir an der nachmittäglichen Pausenstation an.
Ich danke ihnen überschwänglich, verabschiede mich und breche gleich wieder auf, um meine Reisegefährten einzuholen, die schon weiter gefahren waren, um Zeit für Fotos und Videos herauszuholen.
Die Straße wird immer schöner, zum Teil führt sie auf die Via del Sale, die Salzstraße. Limone, der Rastort für das Abendessen, kommt immer näher und im gleichen Maße wächst die Lust, so schnell wie möglich anzukommen.
Nach einer Reihe von Sprüngen bergab treffe ich auf eine Gruppe, die langsamer ist als ich. Inzwischen bin ich im Rennmodus und beschließe zu überholen ohne erst auf eine breitere Stelle zu warten, indem ich schnell über die Wiese fahre. Ein Riesenfehler! Unter dem Gras versteckt sich ein Abflussgraben der mich vom Motorrad katapultiert.
Die Überholten lachen natürlich spöttisch, halten aber an und helfen mir die Maschine wieder aufzurichten. Die Schäden sind unerheblich, wenn man von der Windschutzscheibe und meiner Hand absieht. Ich schaue auf den Plan und sehe, dass ich inzwischen in Limone angekommen bin. Mit Eskorte der Kollegen komme ich am Treffpunkt an, wo ein Arzt auf mich wartet und ich feststellen muss, dass auch einem meiner Reisegefährten ein Missgeschick widerfahren ist: Er hat sich an der Schulter verletzt. Bei mir stellt der Arzt einen möglichen Bruch am letzten Fingerglied des Zeigefingers fest und der Daumen ist verrenkt … beides an der linken Hand … der Kupplungshand.
Mit Eispaket auf der linken Hand esse ich bevor ich mit meinem Schicksalsgefährten beschließe, die Weiterfahrt bis nach Sestriere zu versuchen, auch weil die Strecke ab hier einfacher ist.
Wir stärken uns, ruhen uns aus und fahren gegen zwei Uhr nachts wieder los.
Der Abschnitt ist wirklich einfacher als der Teil davor und schenkt uns den Blick auf atemberaubende Landschaften, wie die der Assietta-Straße, die wir uns auf keinen Fall entgehen lassen wollten.
In Sestriere werden wir gegen 10 Uhr empfangen, meine Hand ist inzwischen angeschwollen und schmerzt aber ich bin äußerst zufrieden.

Auch hier esse ich etwas und ruhe mich aus, bevor ich in Richtung Zuhause aufbreche, denn meine Frau klagt die Ansprüche der Familie ein und außerdem möchte ich meine Hand untersuchen lassen.
Nach weiteren sieben Stunden Fahrt komme ich zu Hause an: total kaputt und so schmutzig wie noch nie aber überglücklich über das herrliche Erlebnis, das mich wieder einmal mehr davon überzeugt hat, dass die Motorradfahrer ein wunderbares Völkchen sind, denn auch wenn sie sich überhaupt nicht kennen sind sie trotzdem Kumpel.  
Ein Lob für die Organisation der HAT, denn sie war tadellos und hat für jegliche Unterstützung, die das Herz begehrte gesorgt.
Eine Veranstaltung, die ich nur wärmstens empfehlen kann, wegen der Schönheit ihrer Etappen und der Landschaften und der Warmherzigkeit ihrer Teilnehmer.

P.S. aus der Notaufnahme: Fraktur von Zeigefinger und Daumen der linken Hand!

Text: Fabrizio Guido
Fotos und Filmaufnahmen: Fabrizio Guido und Gianclaudio Aiossa

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