Dual Mi 29 August 2018

DIE HERAUSFORDERUNG JENSEITS DER LEIDENSCHAFT: HARDITAROAD

Das Handy klingelt, es ist mein Freund Elio, der verrückteste meiner Freunde. Auf seine typisch wortkarge Art sagt er: „Harditaroad, ich, du und Pietro, wir machen da mit!“ „Ja aber was ist das überhaupt?“, sage ich. Seine Antwort: „Guck im Internet, wir hören voneinander, tschüss!“
Bereits nach einer kurzen Recherche stelle ich fest, dass das mein Ding ist. Als ich meiner Freundin Laura davon erzähle sagt sie: „Ich komme mit, oder?“
Auf so eine Idee wäre ich nie gekommen: Trient – Triest in 36 Stunden, Tag und Nacht, 850 km, 40% auf Straße, 60% offroad, zu zweit auf einem Motorrad! Wir schauen uns an: Sind wir verrückt oder ist das machbar?
Wir nehmen mit dem Organisator der Veranstaltung, Maurizio, Kontakt auf und erklären ihm die Angelegenheit.
Leicht schockiert aber sehr ruhig antwortet er uns: „Ihr seid verrückt! Das hat noch niemand gemacht, zu zweit auf einem Motorrad, das sind viele Kilometer, vor allem im Gelände. Laura, bist du sicher, dass du nichts Besseres vorhast, zum Beispiel shoppen gehen? Ich kann Alberto überreden, dir seine Kreditkarte zu überlassen…”
Was Schlechteres beziehungsweise Besseres hätte er Laura nicht sagen können: Die Vorbereitung für die große Herausforderung beginnt!

Wieder zu Hause, beginnen wir mit der Suche nach dem richtigen Motorrad im Internet. Wir finden es, es scheint in Ordnung zu sein. Ein Anruf und drei Stunden später sind wir in Udine, um es zu kaufen. Die Originalsitzbank ist zu kurz, wir brauchen einen zusätzlichen Sitz. Wir finden eine Yankee-Sitzbank der Vespa, kürzen und montieren sie, rüsten mit dem Scheinwerfer für die Nacht, dem Navigationsgerät und dem Tankrucksack auf. Für Laura kaufen wir Stiefel, die restliche Kleidung leihen wir uns von meinem Bruder Lorenzo.
Wir sind fertig für die Probefahrt: Einen ganzen Tag lang geht es die Berge der Hochebene von Asiago rauf und runter. Das schwierigste für Laura ist, allen meinen Bewegungen zu folgen, gleichzeitig mit mir aufzustehen und sich zu setzen und mit den Beinen die Sprünge abzufedern, um nicht den Halt auf den Fußstützen zu verlieren.
„Heftig“ sagt sie, „ich brauche Training!“
Eineinhalb Monate lang macht sie jeden Tag zwei Stunden lang Übungen für die Beine, den Rücken, die Arme und die Schultern, vor allem für die Schulter, an der sie vor 4 Monaten operiert worden ist und die noch nicht ganz geheilt ist.
Am Freitag den 27. Juli geht es dann endlich los, aber ohne meinen Freund Elio; er kann nicht mitkommen, weil ihm Probleme bei der Arbeit dazwischengekommen sind.
Wir laden das Motorrad auf den Anhänger und lassen uns von unserem allzeit treuen Freund Gianluca nach Trient bringen, der uns dann auch am Sonntag den 29. wieder in Triest abholen kommt.
Am Treffpunkt angekommen, werden uns alle Informationen und Ratschläge für einen optimalen Ablauf der Veranstaltung gegeben: Gestartet wird in Dreiergruppen, die jeweils mit einem Abstand von drei Minuten voneinander losfahren. Unsere Gruppe besteht aus uns, Marco, den wir bei dieser Gelegenheit erst kennengelernt haben und Pietro, mit dem ich schon seit vielen Jahren befreundet bin.
Samstagmorgen um sieben Uhr stehen wir am Start-Tunnel bereit für das Foto mit Marco, Pietro und dem großen Franco Picco, der nun wirklich nicht vorgestellt werden muss.
Das Abenteuer beginnt!

Die ersten Kreisel sind ein Alptraum, jeder hat mindestens sechs Ausfahrten und ich fahre bei drei nacheinander falsch heraus. Nach ein paar Kilometern kommen wir durch Wald und Berge, die Landschaft ändert sich, Asphalt und Gelände wechseln sich ab. Das erste Hindernis, auf das wir stoßen, ist ein Baumstamm mitten auf der Straße; Forstarbeiter versuchen ihn zu beseitigen. Nach einigen Minuten weisen sie uns an, die Stelle seitlich den Berg hoch zu umfahren. Das Satelliten-Navi verliert im Unterholz oft das Signal, so dass wir mehrmals in die falsche Richtung fahren… aber wir sind nicht die einzigen!
Um 9.15 kommen wir in Arsiero am ersten Checkpoint an, wir kommen uns bereits vor wie Helden, bekommen Komplimente und anerkennendes Schulterklopfen. Das Ziel scheint zwar in unerreichbarer Ferne zu liegen aber dass wir in den Bergen sind, die wir ziemlich gut kennen, da sie so nah an unserem Wohnort liegen, ermutigt uns und gibt uns Kraft, weiterzufahren. Wir setzen die Fahrt auf die Hochebene von Asiago fort, wobei wir auf der „Strada del Costo“ fahren, die dafür berühmt ist, eine Rennpiste für Extremmotorradfahrer zu sein. Vor Trescheconca biegen wir ab und passieren Cesuna südlich, dann fahren wir die Straße nach Turcio, biegen nach rechts ab in Richtung Sasso, um zu der Ortschaft Gallio zu gelangen und von da aus den Berg Ortigara anzusteuern. Die Straße wird hier etwas schwieriger, die Kappona klopft, dass es eine Freude ist, aber wir nehmen die Hindernisse ganz entspannt, bis uns das GPS-Gerät um 12 Uhr zum Mittagessen zur Berghütte Adriana Malga Moline führt.
Stolz auf das bisher erreichte Etappenziel setzt sich unsere Gruppe zu Tisch. Neben uns entdecken wir noch zwei Teilnehmer und finden heraus, dass einer von ihnen ganze 69 Jahre alt ist. Einerseits tröstet es uns, dass wir noch viel Zeit haben, um unserer Motorradleidenschaft frönen zu können, auf der anderen nagt das leicht an unserem Selbstbewusstsein. Aber es handelt sich um Bruno Bibes, einem langjährigen Dakar-Fahrer, der an Reisen gewöhnt ist und an Fahrten auf Sand mit 300-Kilo-Maschinen (… und hier keimt ein neuer Traum in uns auf – aber das wird eine andere Geschichte…).
Wir stärken uns also und brechen wieder auf nach Enego, dann in Richtung Monte Grappa. Aus dem Norden kommend sehen wir den Gipfel zu unserer Linken in ungefähr einem Kilometer Entfernung, Checkpoint 2, 15 Uhr 50, aber der Track biegt ab und wir fahren noch 30 Kilometer auf uns völlig unbekannten Straßen, bevor wir auf den Gipfel gelangen. Es ist wirklich schade, dass die Wolken so tief hängen, dass unsere Freunde diese einzigartige und großartige Aussicht nicht bewundern können; an klaren Sonnentagen habe ich schon mehrmals die Adria mit bloßem Auge sehen können.
Wir machen Halt, trinken heißen Tee und brechen erneut in Richtung Osten auf. Von der Straße aus sieht man die Ebene, weiter fahren wir bis nach Pedderobba hinunter, überqueren den Fluss Piave, Richtung Valdobbiadene, dann geht es wir wieder hinauf nach Pianezze, wobei wir nur auf Straßen unterwegs sind, die wir noch nicht kannten. Als wir in Richtung Norden wieder bergab fahren, beginnt es zu regnen, der Blick geht auf die Orte Lentiai, Trichiana und Limana hinunter, ohne dass wir Höhe verlieren, so gelangen wir zum Checkpoint 3 Montegarda. Der Regen wird jetzt immer stärker, daher stoppen wir, ziehen unsere Regenkleidung an und setzen die Fahrt fort. Nach einigen Kilometern bergab auf unbefestigten Straßen kommt uns ein Lieferwagen entgegen. Bei dem Versuch, uns vorbeizulassen steuert er zu weit nach rechts und landet mit den Rädern im Graben. Wir halten also an und versuchen mehrmals ihn anzuschieben, bis wir es schaffen ihn herauszubefördern. Der Fahrer dankt uns, wir verabschieden uns und fahren wieder los in Richtung Ponte nelle Alpi, mit Ziel Longarone, dem Checkpoint Nummer 4, den wir um 21.15 erreichen. Etwas mehr als die Hälfte der Strecke haben wir hinter uns, das Abendessen und das Hotel mit Blick auf die Sterne, die gerade zum Vorschein kommen, warten auf uns! Die Wirklichkeit sieht so aus: eine schnelle Dusche in den Umkleideräumen des Fußballplatzes, Abendessen, das Motorrad ein bisschen in Ordnung bringen. Dann ein einstündiges Nickerchen auf den Bänken der „Gastmannschaft“ bis um halb eins das Telefon klingelt: Es ist Pietro, der uns sagt, dass es Zeit ist aufzubrechen.
Nachdem wir die Motorradkluft angezogen haben, steigen wir auf die Maschinen und nehmen die Fahrt in Richtung Norden auf. Pietro sagt, ich soll die Führung mit dem Navi übernehmen. Wir fahren die alte Staatsstraße nach Pieve, Domegge und Santo Stefano di Cadore. Bald treffen wir die Leute vom Organisationsteam, die uns auf einen anderen Weg umleiten, da die Hard-Offroad-Strecke aufgrund des Regens nicht befahrbar ist. Es geht abwechselnd auf Asphalt und Gelände weiter, wir fahren den Tracks nach, ohne recht zu verstehen wo wir sind, bis wir um 4 Uhr morgens mitten in den Bergen eine Berghütte erreichen, wo ein üppiges Frühstück auf uns wartet: Brot, Butter und frische Marmelade und ein riesiger Crostata-Kuchen. Eine halbe Stunde Rast und es geht weiter.
Der Morgen beginnt zu dämmern, die Aussicht ist fantastisch, wir fahren weiter bis Pietro gegen 6 Uhr eine Panne am Hinterreifen hat. Nachdem wir ihm beim Flicken geholfen haben, verabschieden wir uns voneinander und fahren alleine weiter – ohne Tracks, die sind vom Navi verschwunden. Wir lassen die Berge hinter uns und lenken direkt in Richtung Staatsgrenze, wobei wir den letzten Teil, Checkpoint 5, überspringen. Inzwischen ist es 7 Uhr.
Am Checkpoint 6 in Uccea kommen wir um 8 Uhr an. Zum Glück treffen wir noch andere Teilnehmer, die uns einladen, ihnen auf der letzten Etappe nach Slowenien bis nach Re di Puglia zu folgen. Dort sammeln sich alle Fahrer, um dann gemeinsam in Begleitung einer Polizei-Eskorte in Richtung Piazza Unità d’Italia (Platz der italienischen Einheit) in Trieste aufzubrechen.

Auf 850 Kilometern haben wir alle Jahreszeiten erlebt, Hitze und Kälte, Sonnenschein und Wolken mit Regen. Von 190 Höhenmetern in Trient ging es bis auf 1990 Meter, die das Navigationsgerät auf einem der zahlreichen von uns passierten Gipfel angezeigt hat und bis nach Triest, direkt ans Meer. Es gab Kurven und Kehren auf Asphalt aber auch viel offroad und das von morgens bis abends und vor allem nachts! Für uns eine neue Erfahrung: Offroad fahren, über Bachläufe und enge und steile Pässe, nur vom Mond erleuchtet und von unserem Zusatzscheinwerfer, der uns mehr als einmal gerettet hat.   
Laura und ich sind zu einer Einheit zusammengewachsen, ihre Arme habe ich gerade so eben auf meinen Hüften erahnt. Sowohl bei starker Beschleunigung als auch bei Richtungswechseln hatte sie keine Angst, im Gegenteil, sie war so entspannt, dass ich bei meinen Manövern keinen Widerstand gespürt habe. Sie ist allen meinen Bewegungen perfekt gefolgt. Das braucht wirklich Geduld, Ausdauer, Kraft und vor allem viel Mut!
Es war für uns beide ein unvergessliches Erlebnis, das wir zweifelsohne im nächsten Jahr wiederholen werden.
Unser Dank geht an Maurizio und das Organisationsteam, an alle neuen Freunde, die wir kennengelernt haben, für ihre ehrliche Anerkennung. Vor allem danken wir aber Marco und Pietro, die uns während der 36 Stunden dieser großartigen außergewöhnlichen Tour geleitet, unterstützt und ertragen haben.

Text: Alberto und Laura
Fotos und Videos: Discovery Endual
Filmausstattung: Garmin VIRB Ultra 30

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