Dual Mi 05 September 2018

Dragon Tail

Nach einer Woche auf der Messe in Atlanta, USA, dem Geburtsort der Nobelpreisträger Martin Luther King und Jimmy Carter, holen wir zum Wochenende die Mietmotorräder ab, die wir vor ein paar Monaten angemietet haben. Auf dem ersten Teil der Reise sind wir zu sechst, vier Harley Davidson und zwei BMW. Ich habe eine GS 1200 bestellt, während dem anderen BMW-Fahrer, der mit uns bis Boston fährt, eine GS Adventure ausgehändigt wird. Die Harleys sind wunderschön: Die gebrauchte orangefarbene mit Florida-Kennzeichen, die ein italienischer Freund hier in den USA hat, um sie fahren zu können, wenn er hier ist, hat mehr als 50.000 km amerikanischer Straßen auf dem Buckel, die drei gemieteten schwarzen HDs dagegen sind nagelneu. Am Freitagnachmittag legen wir die Anreise von Atlanta nach Helen zurück, einer zu Goldrauschzeiten von deutschstämmigen Siedlern im bayrischen Stil erbauten Stadt im Herzen der Blue Ridge Mountains. Vor dem Abendessen bekommen wir einen Vorgeschmack von dem, was uns am nächsten Tag erwartet: perfekte Straßen, Seen, Wiesen, viel Grün, Gerüche der Natur. Beim Abendessen mit exquisiten Rib-Eyes-Steaks, grünen frittierten Tomaten und Bier beginnen wir die Tour des nächsten Tages zu planen, die uns auf den legendären Dragon Tail, den „Schwanz des Drachen“ führen wird; mit über 300 Kurven auf 11 Meilen eine der berühmtesten Straßen der Welt für Motorradfahrer.

Erst um zwei Uhr nachmittags kommen wir am Startpunkt des Dragon Tails an, denn wenn man auf dem Motorrad von A nach B fährt, sind Umwege an der Tagesordnung. Der Blue Ridge Parkway und vor allem der Skyline Drive sind atemberaubend, wir gelangen mehrmals von einer Höhe von 1000 Fuß auf 5000 auf Straßen im perfekten Zustand und mit entspannenden Aussichten. Chattanooga, Franklin und Chickamauga rufen einige Schlachten des großen amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) ins Gedächtnis, die blau Uniformierten gegen die grauen, Lincoln, Lee, Grant. Vereinzelt sehen wir noch Fahnen der Konföderierten Südstaaten flattern. Cherokee, Appalachen, Eagle Rock erinnern uns an den in Italien berühmten Comic des Cowboys Tex, so auch ein paar Gesichter, die aus den Seiten dieses Comics stammen könnten.   
Vom Andrang her könnte man meinen es gäbe etwas umsonst. Alles im Amerikanischen Stil: überall Harley Davidson, unzählige Trikes, einige Supermotos und viele vierrädrige Fahrzeuge wie Mustangs, Corvettes, Porsche. Aus einem Super-Mustang in Quietschblau ruft uns eine Super-Blonde lächelnd „where’s the party?“ zu … dann steigt sie aus und entpuppt sich als super-hässlich wie die Nacht… the party is over!
Dann ist da noch der berühmte Baum der Schande, der Tree of Shame mit den daran gehängten Schrottteilen von Autos und Motorrädern, deren Fahrer ihre Fähigkeiten überschätzt haben und auf dem Dragon Tail Unfälle gebaut haben. Der Souvenirladen darf natürlich nicht fehlen, daneben die Zimmer die mieten kann, wer über Nacht dort bleiben will, um die11 Meilen öfter zu fahren.   
Beim Losfahren setzt sich ein Trike vor mich und das bei absolutem Überholverbot, da kann man nichts machen… Ich werde die Straße sowieso sicher noch einmal fahren, auch weil der Trike-Fahrer überall abbremst wo Fotografen stehen, um zu winken. Auf halber Strecke halte ich daher an und lass ihn ein bisschen vorausfahren, um vor mir mehr Platz zu haben. Es ist wirklich super, über 300 Kurven auf ca. 16 km, aber es sind nicht nur die Kurven… auch die wechselnden Gefälle sind toll, die Straße scheint von den Erfindern der amerikanischen Ovalkurse entworfen zu sein. Man kommt nie groß auf Geschwindigkeit, sondern befindet sich immer in der Kurve, mehr oder weniger nach rechts oder links gebogen. Zwei junge Typen haben Omas Ford gegen einen Baum gefahren und sind nun von Polizisten umringt: Einige Teile werden am Tree of Shame enden und die Oma könnte sogar gefährlich werden, wenn sie davon erfährt. Hier sind alle bewaffnet und die 911 wird normalerweise nie angerufen wenn etwas passiert, sondern erst im Nachhinein.

Ich komme oben an und beschließe, die Strecke sofort noch einmal zu fahren, diese Route 129 ist wirklich ein Spielplatz. Ich komme unten an und nach einem Slalom zwischen einigen geparkten Harleys, fahre ich sofort wieder los. In den Rückspiegeln sehe ich, dass mir ein paar Biker lächelnd mit erhobenem Bier zuprosten. Ich dachte, entlang der Straße würde mir einer meiner Freunde entgegenkommen, aber wir sind alle etwas müde, daher warten sie auf mich, um nach Cherokee zurückzukehren.
Das einzige akzeptable Restaurant hier ist das des Casinos, ein Zugeständnis der amerikanischen Regierung an alle Indianer-Reservate, wahrscheinlich hatten die Natives die Nase voll davon, Gold und Felle gegen Spiegel und Whiskyflaschen einzutauschen. Sie verkaufen nun Nachbildungen von Adlerkrallen, Wolfszähnen, Bärenkrallen und Traumfängern Made in China an ahnungslose Touristen.
Am Tag darauf trennen wir uns, die vier HDs fahren weiter in Richtung Nashville und die Adventure nach Boston. Ich kehre nach Atlanta zurück, von wo ich meine Dienstreise nach Zentralamerika fortsetzen werde, nicht ohne vorher noch einige unbefestigte Straßen außerhalb der Touristenkarten gefahren zu haben – einfache Strecken, denn meine Michelin Anakee sind von den vielen Kilometern blank gefahrenen. Mir fehlen noch einige Fotos, die ich im Kopf hatte: Die Farm mit dem weißen Lattenzaun, einige Straßenschilder und Landschaften, für die ich noch keine Zeit gehabt habe.
Die Zahl der Meilen nach Atlanta (ca. 150) schrumpft 1,6 mal langsamer, als die der Kilometer. Es ist sehr heiß und ich bin ein bisschen neidisch auf die amerikanischen HD-Biker mit Jeans, Unterhemd und offenem Helm, der bei einem Sturz überhaupt nichts bringt. Ich denke an die vielen Leute, die ich während der Reise getroffen habe und mir kommt der legendäre Frank Boorn in den Sinn, der uns vor den Ducati-Fahrern gewarnt hat, die beim Dragon-Tail-Fahren die Kurven schneiden. Auf seiner Visitenkarte steht „Harley Driver“ und „Über 1.200.000 Meilen in allen 50 Staaten der USA, Mexiko, Kanada, Holland, Australien, Brasilien, Argentinien und Uruguay“. Anagrafisch ist er in den Mittsechzigern, gefühlt ist er Mitte 20.
Die Skyline Atlantas nähert sich langsam, während ich mit 65 Meilen pro Stunde reise, umgeben von potentiellen Mördern in Autos und Lkws, die auf ihren Handys Nachrichten tippend alle mit der gleichen Geschwindigkeit unterwegs sind. Die Wolkenkratzer von Westin, Sun Trust und Bank of America sind majestätisch aber das Chaos der Stadt lässt mich den Smoky Mountains nachtrauern.

Ein schönes Wochenende, ich kehre zu meinem alltäglichen Leben mit Flügen und dem Verkaufen von Fliesen zurück.

Text und Fotos: Riccardo Reggiani

 

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