Dual Mi 12 September 2018

Ich bin dann mal weg … zum Feiern in Südamerika

Wenn ich an Reisen und die Entdeckung neuer Orte mit dem Motorrad denke, hat mich das schon immer sehr begeistert. Zum Anlass der Feier meiner ersten vierzig Jahre und derer eines Jugendfreunds von mir, der ebenso verrückt nach Motorradfahren ist, haben wir uns im Winter 2014 eine Reise nach Südamerika geschenkt, inklusive Spedition unserer Maschinen (R80 GS basicund R1200 GS Adv).
Da wir keine Zeit hatten, die Reise und vor allem die Spedition der Motorräder allein zu organisieren, haben wir das dem Tour Operator Moto Raid Experience anvertraut, dessen Chef ich kenne.
Zu den bereits geplanten Etappen wollte ich unbedingt Offroad-Fahrten an Orten zufügen, die ich bereits durchquert hatte, darunter die größte Salzwüste der Welt Salar de Uyuni und die Lagunen und Wüsten im Hochgebirge Boliviens.
Zu der Reise haben sich noch weitere Teilnehmer gesellt, so dass wir den Container voll bekommen und die Kosten reduzieren konnten, so sind wir letztendlich also mit acht Motorrädern unterwegs.
Die Tour startet im Februar an einem heißen Sommerabend gegen neun Uhr vom Hafen in Lima in Peru, nachdem wir zwei Tage damit zugebracht haben, Dokumente und Zollangelegenheiten für die Maschinen zu erledigen. (Das mache ich nie wieder…)
Es ist ein echter Albtraum, aus der Metropole herauszukommen und auf die Panamericana zu biegen, die Straße, die den südamerikanischen Kontinent von Nord nach Süd durchquert. Unser Ziel ist Nazca im Süden, das wir um vier Uhr morgens nach 500 km erreichen, auf denen wir uns keinen Augenblick Unaufmerksamkeit leisten durften.
Das Adrenalin und die Begeisterung darüber, auf dieser wichtigen Straßen unterwegs zu sein, haben uns ermöglicht heile anzukommen, ohne gegen die Hindernisse zu fahren, die wir immer wieder auf der Fahrbahn antreffen können. Eine Situation, die auf der ganzen Reise immer wieder für Stresssorgte.
Den folgenden Tag nutzen wir für den Flug über den berühmten Nazca-Linien und die Fahrt zum nächsten Etappenziel, von wo aus wir eine Bootsexkursion zum Wale sichten unternehmen und die Ballestas-Inseln besuchen sollten, aber da das Meer zu unruhig ist (… dabei heißt es Pazifischer Ozean!) fällt der Ausflug buchstäblich ins Wasser.
Weiter geht es im Programm einmal quer durch Peru, wobei wir auf 4700 m Höhe kommen, um uns dann in grüne Täler voller Wälder und viel Matsch zu stürzen. Die Reise wird von gleißenderSonne und strömenden tropischen Regengüssen begleitet.
Die Straßen sind unglaublich schön, auch in höheren Gefilden mit perfekt instandgehaltenem Asphalt, aber da sie erst kürzlich neu asphaltiert worden sind, ist die Frage, wie sie sich im Laufe der Zeit halten. Eine Kurve folgt der anderen und die Lust das Gas aufzudrehen ist groß, aber hier müssen wir doppelt vorsichtig sein: Ein plötzliches Hindernis, ein Tier oder ein Mensch, dieunvermittelt aus dem Nichts hervorspringen, und ein Sturz hier wird ein echtes Problem! An einem brennend heißen Nachmittag kommen wir in Cusco an. Die Stadt ist mit „Blumenkindern“ aus allen Ländern der Welt bevölkert, die wir beim seelenruhigen Rauchen und Trinken stören, als wir mit den Motorrädern genau mitten durch fahren. Wir sind mit einer Eskorte von drei peruanischen Motorradfahrern unterwegs, die uns von der Peripherie der Stadt zum Hotel leiten, wobei wir an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vorbeikommen. Der nächste Tag ist für den Besuch der verlorenen Inka-Stadt Machu Picchu reserviert, dem Symbol Perus.

Es geht weiter Richtung Bolivien an Puno am Titicacasee vorbei, mit Ausflug auf die schwimmenden Inseln mit ihren Bewohnern (ein unheimlich touristischer Ort).
Die Grenze nach Bolivien überqueren wir, nachdem wir die Maschinen mit einem Holz-Floß übergesetzt haben.
An die Ankunft in La Paz werde ich noch lange denken, denn alle Acht haben wir den Tank fast leer und während der verzweifelten Suche nach Benzin geht die Hölle los: sintflutartige Regenfälle.
Die Metropole kannte ich noch von einer früheren Reise und ich hatte keine sehr schönen Erinnerungen daran aber diesmal ist die Wirkung überwältigend. Inzwischen ist es dunkel, die Straße wird zum reißenden Bach, die Fahrbahn existiert nicht mehr, Menschen, Tiere und Fahrzeuge drehen durch. Auf keinen Fall dürfen wir uns aus den Augen verlieren, wir müssen immer auf Sichtweite bleiben. Immerhin sind wir in Südamerika! Ich weiß immer noch nicht wie ich es fertiggebracht habe, aber ich schaffe, es einem riesigen Schlagloch voller Wasser auszuweichen – puh, Schwein gehabt! In diesem Chaos fahren wir ein ganzes Stück weiter, bis wir endlich eine Tankstelle sichten, auf die wir uns alle stürzen um vollzutanken. Wir sind am Rande des Vorstadt-Viertels El Alto, die Straße ist jetzt wieder asphaltiert und erleuchtet und führt in das von den Lichtern der Stadt erhellte Tal hinunter.
La Paz ist wie Dantes „Hölle“: ein Talkessel aus Verfall und Dreck, mit dem typischen Platz im kolonialistischen Stil im Zentrum, sauber und reich mit Blumen geschmückt. Endlich geht es ins Hotel, Dusche, Abendessen, Schlafen.
Am nächsten Tag ist schönes Wetter, mein Freund Enrico und ich setzen uns von der Gruppe ab, die einen Tag Pause macht um sich auszuruhen, und wir wagen uns an die Fahrt auf der legendären „carretera de la muerte” (der Todesstraße)! Was soll ich sagen, eine ca. 4 Meter breite unbefestigte Straße, die von der bolivianischen Hochebene in die Yungas (Dschungel) führt. Sie verläuft auf halber Höhe an Berghängen entlang, mehr oder weniger große Bäche überqueren sie, viel Schlamm, aber nichts Besonderes.
Wir kommen in Coroico an, essen Huhn mit Gemüse und kehren auf einer stark befahrenen und tadellos asphaltierten Straße zurück.
Die nächsten Tage sind von weiten Etappen durch Bolivien geprägt, von den Hochebenen herunter in die Tiefebenen am Rand des Amazonas-Waldes. Wir kommen durch Cochabamba, eine eher langweilige Industriestadt, um dann nach zirka hundert Kilometern auf einer wunderschönen Kopfsteinpflasterstraße in der prächtigen Hauptstadt Boliviens, Sucre, anzulangen, die recht hoch liegt und ein perfektes Klima hat. Den Abend verbringen wir in einem landestypischen Restaurant, mit typisch lokaler Vorführung. Am Tag darauf geht es weiter, wir wollen zu den Wüsten und Lagunen in der großen Höhe der Hochebenen, durch die auch die Dakar-Rallye die letzten Male durchgekommen ist. Von hier ab ist mir die Gegend nicht mehr neu, ich war hier schon 2004, aber diese Orte mit dem Motorrad zu bereisen ist noch mal etwas ganz anderes!

Der Halt zum Tanken in Potosí gehört zu den schlimmsten Momenten der Reise. Eine Bergbaustadt mit dreckiger Luft, voller schräger Gestalten, Smog, viel Verkehr, sogar der Tankstellenwärter fragt mich, was wir hier machen. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass wir nach Uyuni wollen, rät er mir zu tanken und sofort weiterzufahren, wobei er mir den Weg und die richtige Richtung zeigt, denn „aquì todo es pericoloso“ („hier ist alles gefährlich“); er zeigt auf eine an einer Straßenecke liegende Gestalt und macht mit der Hand eine Pistole nach.
Schnell weg von diesem ungastlichen Ort, Tank voll, das bedeutet 220 km Autonomie, mit noch einmal tanken auf halber Strecke schaffen wir es. Uyuni ist der letzte Vorposten vor der Salar, der Salzwüste. In zehn Jahren hat er sich sehr verändert, Internet Points und Souvenirläden sind wie Pilze aus dem Boden geschossen, wie auch die Touristen aus aller Welt mit Rucksack auf dem Rücken, die auf dem Weg nach Chile sind oder von dort kommen. Die meisten Tourismusagenturen bieten eine Exkursion über drei Tage in einem Geländewagen bis zur Grenze zu Chile an, die durch atemberaubende Landschaften führt.
Nachdem wir beim Zoll unser „Carnet de passages en douane“ stempeln lassen haben, begeben wir uns ins Hotel, das am Rande der Salar liegt und ganz aus Salzblöcken gebaut ist. Am Morgen danach brechen wir zur Durchquerung der Salar auf, die aufgrund des spärlichen Wasservorkommens – um die 10 cm auf der tadellos platten Salzoberfläche – zurzeit befahrbar ist. Um zur „Insel“ des Fisches – einer Erhebung, ein mit Kakteen überzogener Hügel, Wahrzeichen und Pflichthalt für alle Touristen – zu gelangen, geht es 80 km hinein und nochmal so viel wieder heraus, um dann in Richtung Chile weiterzufahren.
Und jetzt: Gaaaaas! Bei 140 Stundenkilometer lasse ich der Maschine freien Lauf! Fantastisch!!!
Die Motorräder sind weiß von der Salzkruste, sie setzt sich auf Motor, Felgen, Auspuff, Rahmen… darum kümmern wir uns später! Am Ende kommen wir in ein Dorf mit wenigen Häusern, wahrscheinlich für Bergarbeiter oder Soldaten. Aus einem Haus kommt ein Typ, der auf einen Wasserschlauch zeigt. Er hat mit Sicherheit auf uns gewartet. Für ein paar Dollar waschen wir so gut es geht das Salz von den Motorrädern. Es geht weiter durch Wüsten aus Felsen und Sand auf mehr oder weniger schönen Pisten, alles auf 4500 m über dem Meeresspiegel. 
Es ist wunderschön hier, die Farben der mit rosa Flamingos übersäten Lagunen, die Guanakos, Alpakas, ähnlich wie Lamas, nur kleiner und die Vikunjas mit ihrer wertvollen feinen Wolle bieten beeindruckende Anblicke. Nächster Etappenhalt ist die Laguna Colorada, Schade nur, dass das Wetter schlecht ist, das tolle Panorama ist nicht zu sehen… aber ich hatte es ja schon einmal gesehen! Am folgenden Tag kommen wir am Geysir Sol de Manana vorbei, wo auf fast 5000 Metern Höhe Schlamm und Erde brodeln. Beim Zoll von Apacheca lassen wir den Pass stempeln, mit 5033 Metern der höchste Punkt unserer Reise. Die letzte Lagune, die aufgrund ihrer grünen Farbe Laguna Verde heißt und vor der malerischen Kulisse des Vulkans Licancanbur liegt, kündet die Grenze zu Chile an.

Sobald wir die Grenze durchfahren haben, wird die Piste zu einer perfekten Autobahn. Wir sind in Chile, in einem Bergbaugebiet mit reichen Kupfervorkommen. Die Straße fällt schnurgerade Richtung Pazifischer Ozean und zur Stadt Antofagasta ab, dem Ziel unserer Reise. Der Verlust der Höhe und das Benzin mit 98 Oktan bringen die Maschinen zum Heulen. Letzter Halt in San Pedro de Atacama in einer brütend heißen Nacht – schließlich sind wir mitten in der Wüste, der trockensten der Welt. Hier gibt es nichts Interessantes, nur Staub und Hitze. In Antofagasta gönnen wir uns ein 4-Sterne-Hotel und ein anständiges Restaurant… mit entsprechenden Rechnungen!

Unser Geburtstagsgeschenk zum Vierzigsten endet hier. Wir geben die Motorräder auf, die nach drei Monaten in Genua ankommen werden.

Text und Fotos: Paolo Milanesio

 

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