Dual Mi 06 Dezember 2017

MAROKKO ÜBERQUERUNG DES ATLAS IM ALLEINGANG - Anfang zweiter Teil

Der 14. Oktober ist ein optimaler Tag: perfektes Wetter, wolkig und windstill. Nach Abfahrt von Midelt muss ich nach 20 Kilometern umkehren, da die Straße an einer mit Zäunen abgesperrten Zufahrt eines Stausees endete, wahrscheinlich ein Wasserkraftwerk. Ich fahre auf einer Asphaltstraße weiter und treffe an einer Abzweigung drei Belgier auf Ihren BMW GS, die einen Polizisten nach dem Weg fragen. Da auch ich nicht sicher bin, welche Straße ich einschlagen soll, nachdem ich die eine Stecke auf dem GPS-Gerät übersprungen habe, halte ich neben ihnen an und höre zu, was sie sagen. Der Belgier hat die gleiche Karte in der Hand, die ich habe und spricht Französisch mit dem Polizisten. Ich verstehe, wo wir sind und auch, dass sie das gleiche Ziel haben wie ich, Ouarzazate, daher frage ich sie, ob ich mich ihnen anschließen kann, um die Strecke zusammen zu fahren – sie akzeptieren gerne.
Die sich mit Piste abwechselnde Straße steigt von dem auf 1500 Höhenmetern gelegenen Midelt an bis sie 2700 Meter erreicht mit einer Abfolge von unbeschreiblichen Panoramen und Landschaften, eingerahmt von einem Himmel, der so blau ist – blauer geht es einfach nicht.
Wieder von den Bergen heruntergefahren gelangen wir in Täler, in denen eine Bergoase von der nächsten abgelöst wird und sich viele kleine Dörfer aneinanderreihen, die aus wenigen aus Steinen und Erde gebauten Häusern bestehen.
An jedem Ort werden wir von freudigen Kindern umringt, denen wir Kekse, Schokoriegel und Bonbons geben, man merkt, dass die Menschen hier arm sind und mit Mühe ihr Auskommen finden, sie sind schmutzig, barfüßig und tragen alte und zerrissene Kleidung.
Sie sind entweder Hirten oder Bauern, welche die Täler mit Hilfe der Wasserläufe kultivieren. Gegen zwei Uhr nachmittags halten wir in einem Restaurant zum Essen an. Einer der Belgier lässt sich das Menü erklären und handelt den Preis aus. Nachdem wir im Freien üppig gespeist und uns ein bisschen in der Sonne gerekelt haben, brechen wir wieder auf und gegen sieben Uhr abends schlagen wir unser Lager in einem kleinen windgeschützten Tal in einer Höhe von 1700 Metern auf.
Dort treffen wir zwei Frauen mit auf den Rücken gebundenen Kindern, die uns um einige Dirham bitten. Einer der Belgier bietet ihnen Essen an, aber sie lehnen es ab und fragen erneut nach Geld. Am Abend sitzen wir ums Feuer und es stellt sich heraus, dass auch die Belgier vor zwei Tagen dieselbe Strecke gefahren sind wie ich und nachdem sie an dem Haus mit den Hunden vorbeigekommen sind, in derselben Gegend gezeltet haben, wahrscheinlich weniger als einen Kilometer von mir entfernt.
Die Nacht im Zelt mit den neuen Reisegefährten verläuft dank des angenehmen Wetters und Klimas gut, auch wenn man in diesen Höhen mit niedrigen Temperaturen rechnen muss – und tatsächlich friere ich ein bisschen und wache während der Nacht mehrmals auf. Am Morgen nach einem guten Kaffee und einem bescheidenen Frühstück mit Keksen und ein paar Müsliriegeln begeben wir uns sofort in die wunderschöne Todra-Schlucht, die wir anfangs aber für die Dadesschlucht halten. Erst als wir wieder herausfahren, bemerken wir im Dorf am Ausgang der Schlucht den Irrtum. Wir schauen auf die Karte und stellen fest, dass die beiden Täler im Abstand von ein paar Dutzenden von Kilometern parallel verlaufen. Aus dem Norden kommend sind wir an einer Weggabelung falsch abgebogen, so dass wir im linken statt im rechten Tal gelandet sind. Kein Problem, das Panorama das sich unseren Augen darbietet, ist herrlich und belohnt uns für die zurückgelegte Fahrt. Nach den rituellen Fotos und einigen Einkäufen an den Ständen, die an Touristenorten wie diesem nie fehlen, fahren wir weiter durch das Dadestal, das alle aber enttäuschend finden, es bietet nichts Besonderes, nur ein Dutzend Restaurants und Kaffees auf beiden Seiten der Straße. Danach ist die Straße in Richtung Ouarzazate ziemlich langweilig. Ich habe mich von den drei Reisegefährten verabschiedet, die nach Marrakesch weitergefahren sind und einige Stunden von dort ihre Zelte aufschlagen werden, während ich das übliche Hotel für 20 Euro gefunden habe und die Strecke des folgenden Tages nach Zagora plane. Wir haben uns ungern voneinander getrennt, in nur zwei Tagen haben wir entdeckt, dass wir uns auf derselben Wellenlänge befinden und sofort Vertrauen zueinander gefasst. Das zufällige Treffen mit diesen Jungs zeigt wieder einmal, welch erfreuliche Bekanntschaften man auf Reisen wie dieser machen kann. Bei einer organisierten Reise ist das schwerlich möglich, da man dort gezwungen ist, Reiserouten und Zeitpläne einzuhalten.
Die Etappe des 16. Oktobers sieht auf der Karte einfach aus: alles auf Asphalt durch das Draa-Tal bis nach Zagora über eine Gesamtstrecke von 200 Kilometern. Am Straßenrand sehe ich einen Wegweiser, der die Wasserfälle von Tizgui ausweist. Die machen mich neugierig und da ich es nicht eilig habe, nehme ich den Umweg auf mich, um sie mir anzuschauen. Ich muss die Maschine auf einem Platz zurücklassen und zu Fuß weitergehen, dazu gebe ich dem in dieser Umgebung fast unwirklich wirkenden Parkplatzwächter mit Leuchtweste ein paar Dirham und er versichert mir, dass ich alle meine auf das Motorrad geladenen Sachen wiederfinden werde.
Die Wasserfälle sind nicht so eindrucksvoll, im Gegenteil, wegen der Trockenzeit kann ich dankbar sein, dass überhaupt Wasser da ist. Man erreicht sie, indem man eine in den Berg gehauene Treppe bis zum Wasserlauf mitten zwischen den Felsen hinuntersteigt. Für die suggestive Landschaft der Schlucht lohnt es sich eine halbe Stunde Zeit zu investieren.

Ich nehme die Fahrt wieder auf und gerate in endlose Baustellen zur Verbreiterung der Straße zu so etwas wie einer vierspurigen Autobahn. Dabei fahre ich über viele Kilometer an einer Oase entlang und erblicke auf einmal auf der GPS-Anzeige eine Piste, die in die Oase hinein und nach einigen Kilometern wieder hinausführt. Ich schlage den Weg ein und fahre ihn ganz durch inmitten einer Dattelpalmen-Plantage und anderer Anpflanzungen, eine wunderschöne Landschaft. Ich komme durch einige Dörfer und entdecke am Ende, dass die im GPS angegebene Piste, die den Wasserlauf überqueren müsste, um wieder auf die Straße zurückzuführen, verschwunden und teilweise versandet ist. Ein Bauer rät mir, umzudrehen oder weiterzufahren um wieder hinauszukommen. Natürlich fährt man nie auf demselben Weg zurück, wo man wieder die gleichen Dinge sieht, daher fahre ich weiter. Die Piste entfernt sich von der Oase und nähert sich den Bergen. Sie wird immer schwieriger, bis sie sich auf einen mit lockeren spitzen Steinen übersäten Trampelpfad verengt. Ich befürchte ernsthaft eine Reifenpanne, bleibe aber vom Pech verschont. Wieder auf der Hauptstrecke, bin ich in zwanzig Minuten in Zagora. Ich klappere einige Hotels ab, um nach den Preisen zu fragen und am Ende eins für 25 Euro zu finden inklusive Frühstück und …Swimming Pool! Der Betreiber nennt anfänglich 50 aber, wie man von den Einheimischen selbst lernt, muss man immer zuversichtlich in die Verhandlung einsteigen, um den Nachlass auszuhandeln.            
Am Abend, während ich im herrlichen Hotelgarten beim Abendessen sitze, lerne ich einen portugiesischen Motorradfahrer kennen. Wir tauschen einige Informationen aus und er sagt mir, dass die Piste, die ich geplant habe, asphaltiert ist. So stelle ich fest, dass mir nichts anderes übrigbleibt, als den Iriki-See zu überqueren. Er hat das GPS-Gerät voller Wegpunkte und da er das gleiche Gerät hat wie ich, schickt er mir einige über WLAN. Ich merke, dass er die Gegend sehr gut kennt und er gibt mir einige Tipps zur einfachsten Route. Am nächsten Morgen beim Frühstück treffe ich ihn wiederund er sagt mir, dass er mich am Abend vorher gesucht hat, um mich zu fragen, ob ich die Überquerung des Sees zusammen fahren will. Natürlich nehme ich das Angebot gerne an, um in Gesellschaft zu fahren aber auch aus Sicherheitsgründen. Im Nachhinein, nach Ende der Überquerung habe ich gedacht, dass ich das Gepäck hätte im Hotel lassen und am Abend mit dem Portugiesen zurückfahren sollen, um am nächsten Tag meinen Weg fortzusetzen. Was soll’s…  
Gegen zehn Uhr morgens fahren wir los, so dass wir um vier Uhr nachmittags in Foum Zguid ankommen, wo wir in einer Gaststätte des Dorfes essen. Der Besitzer bringt mich dann zu einem Hotel.
Die Überquerung des Sees ist schön und gleichzeitig schwierig, 90% der Piste sind mit Steinen übersät, der Rest ist gut und schnell befahrbar mit Geschwindigkeiten um die 60-70 Stundenkilometer, auf einigen geraden und ebenen Abschnitten haben wir stellenweise sogar mehr als 120 km/h erreicht. Das reinste Vergnügen, das uns für die Mühen der schwierigen Abschnitte entschädigt, wie die Strecken mit den kleinen Dünen, die wir nicht umfahren können und wo ich mehrmals auf einer Seite aufsetze aber ohne dass etwas passiert. Das einzige Problem, das ich habe ist, dass die Gummihalter des GPS-Geräts durch die dauernden Erschütterungen der steinigen Piste kaputt gegangen sind; die kann ich jedoch mit einer großzügigen Portion amerikanischem Klebeband reparieren.
Die für den 18. Oktober geplante Straße ist vollständig asphaltiert bis Marrakesch. Ich biege von der Hauptstraße ab auf eine Alternativstrecke, um eine Piste zu fahren, die 2012 ich mit der organisierten Tour angefangen hatte und die wir dann wegen der zu starken Regenfälle, die den Boden schlammig und sehr rutschig machten, verlassen hatten. Damals war ein Mitglied der Gruppe gestürzt und hatte sich das Knie verstaucht. Auf diese Piste bin ich auch nach Jahren noch neugierig und dies war nun die richtige Gelegenheit, um sie zu erkunden. Sie hat mich dann sehr enttäuscht, da sie in der Zwischenzeit auf drei Vierteln ihrer Länge asphaltiert worden ist und auch, was die Landschaft angeht, hat sie nichts Herausragendes zu bieten.
In Marrakesch angekommen, habe ich im Camping-Hotel „Le Relais“ eingecheckt, das ich bereits kannte, da ich vor zwei Jahre schon einmal dort war. Hier kann man zelten oder sich ein Zimmer nehmen, das aus vier Seitenwänden besteht, die mit einem Zeltdach abgedeckt sind, um die Berberzelte nachzuahmen. Am Abend sitze ich im Restaurant am Swimming Pool, nehme dann im Garten noch ein frisches aber überteuertes Bier zu mir, wo ich die Strecke des nächsten Tages plane und den täglichen Tagebucheintrag schreibe.
Der 19. Oktober sollte ein entspannter Tag werden: Ich entschließe, einen 200 km von Marrakesch entfernten Rundweg zu fahren, der auf den Atlas hinauf- und dann wieder hinunterführt. Alles scheint bestens zu laufen aber wie es dann meistens passiert, geschieht das Unvorhersehbare. Die Straße in den Bergen ist erst ein bisschen langweilig und ohne große Aussichten. Trotz der Höhe von über tausend Metern kommt es mir vor, als wäre ich in einer Hügellandschaft, dann steigt sie jedoch auf über 2700 Meter an und die umliegenden Berge beginnen den Dolomiten zu ähneln. Bei der Abfahrt aus diesen Höhen hoffe ich, dass der Asphalt aufhört und genau dort wo die Schilder anzeigen, dass es bis ins Dorf noch 90 Kilometer sind, beginnt die Schotterpiste, ziemlich einfach und gut zu fahren mit einigen anstrengenderen Abschnitten.
Über drei Viertel der Strecke geht alles gut bis eine Rinne mein Vorderrad abdriften lässt und ich auf die rechte Seite rutsche. Normalerweise fällt so eine Sache, wenn man konzentriert ist, nicht einmal auf aber da ich in diesem Moment abgelenkt bin, stürze ich. Dabei mache ich den rechten Tank kaputt, der sich auftut wie eine Thunfisch-Dose und, was schlimmer ist, die Schraube die die Halterung der Fußstütze hält, ist gebrochen. Vom Benzin ist nichts mehr zu retten, es ist sofort herausgelaufen. Ich bringe die Halterung der Fußstütze in aller Eile in Ordnung, da ich mich nicht mitten in den Bergen von der Dunkelheit überraschen lassen wollte.
Das kann ja wohl nicht wahr sein, Murphy’s Law lauert hinter jeder Ecke, hätte ich nicht auf den schon kaputten Tank fallen können? Na ja… ich repariere die Fußstütze so gut es geht mit Draht und einer Plastikschelle, so dass es ausreicht, um den Fuß im Sitzen darauf zu stützen. Die hintere Bremse dagegen funktioniert nicht ganz so wie sie müsste. Da sich die ganze Fußstütze leicht bewegt, kann ich keinen ausreichenden Druck ausüben, um Druck für das Öl aufzubauen.
Das andere Problem ist, dass ich allein mit dem Haupttank nur eine Autonomie von circa siebzig Kilometern habe und ich nicht weiß wie viel Kilometer ich noch vor mir habe, bis ich wieder eine Tankstelle finde. Glücklicherweise wird aus dem Schotter Asphalt und es geht überwiegend bergab. Um Benzin zu sparen, lege ich mindestens 10 km ohne Motor zurück. Endlich komme ich in einem Dorf an und nachdem ich die Tankstelle gefunden habe, entspanne ich mich und trinke eine kalte Cola auf den Schreck. Vor mir habe ich das Schild eines Hotels in nur 15 km Entfernung, ich zögere nicht und breche in Richtung des Ortes auf, der mir wie ein Rettungsanker vorkommt. Ein schöner Ort am Ufer eines Sees, der größtenteils ausgetrocknet aber was die Landschaft betrifft wunderschön ist.

Am Morgen des 20. Oktobers versuche ich vor der Abfahrt so gut wie möglich die Fußstütze auf der rechten Seite in Ordnung zu bringen. Es ist aber unmöglich, sie mit den Werkzeugen die ich habe abzubauen, da ein Stück der Schraube im Gewinde geblieben ist. Mit Unterstützung des Hotel-Personals schaffen wir es, eine etwas kleinere Schraube hineinzudrehen, um wenigstens einen festeren Halt zu schaffen und dann das Ganze mit Schellen und Draht festzubinden. Auf diese Weise lege ich mehr als 300 km zurück und die provisorische Reparaturbastelei tut ihre Pflicht. Viel kann ich von der Konstruktion nicht erwarten, z. B. im Stehen im Gelände zu fahren, daher hat das Offroad-Abenteuer schon nach halber Reise sein Ende gefunden. Während der Reparatur der Maschine ist wahrscheinlich Luft in den vorderen Bremskreislauf gekommen, daher habe ich nur noch die halbe Bremsleitung. Bei der ersten Werkstatt, an der ich vorbeikomme, versuche ich das durch das Auffüllen mit Öl in Ordnung zu bringen aber der ungeschickte Mechaniker hätte mir fast die Bremsscheibe mit Öl besudelt, so dass ich das lieber selber mache. Ich fahre auf Asphalt Richtung El Jadida weiter bis zu Massimo Manzoni, einem Ex-Gondoliere, der dort einen Bed&Breakfast betreibt. Im Laufe des Tages überprüfe ich immer wieder, ob die rechte Fußstütze nicht ganz abbricht und wenn ich an das denke, was in den nächsten Tagen vor mir liegt, halte ich es für das Sinnvollste, die Reise auf Asphalt zu Ende zu bringen. Nachdem ich in El Jadida im B&B eingecheckt und mich frisch gemacht habe, genieße ich mit Massimo eine hervorragende Carbonara mit Rotwein und wir verbringen den Abend zwischen Plaudereien und einigen Gläschen.
Am 22. Oktober verabschiede ich mich von Massimo und breche dann in Richtung Casablanca auf. Die Stadt raubt mir mit ihrem Chaos und dem vielen Verkehr viel Zeit. Ich hätte sie umrunden sollen um dann in Richtung Kenifra und dann Midelt zu fahren. Dort ist auf der Karte eine asphaltierte Straße angegeben, die aber in Wirklichkeit aufgrund von Baustellen über viele Kilometer noch Schotterpiste ist. Das macht mir wegen des Zustands der rechten Fußstütze Sorgen, aber ich überstehe die ganze lange Strecke gut, auch wenn ich einige Schläge von der mehrere Zentimeter dicken Schotterschicht parieren musste, die den Untergrund für den Asphalt bildet. Danach biege ich auf eine schöne Bergstraße voller Kurven und komme in nur 80 Kilometer Entfernung an Midelt vorbei, dem Ort, an dem ich in der Woche vorher die drei Belgier getroffen habe. Ich muss mich entscheiden, ob ich in Richtung Meknes oder Fes fahre, zwei fast parallele Straßen, auch wenn viele Kilometer zwischen den beiden liegen. Ich entscheide mich für die erste, da ich vermute, dass ich auf ihr eher an Tankstellen vorbeikomme und weil ich auf der Karte sehe, dass diese Straße durch einen Zedernwald führt, der mich neugierig macht. In einigen Reiseerzählungen habe ich gelesen, dass es in der Gegend Bergaffen gibt, ich wusste aber nicht genau, wo ich sie antreffen könnte. So bin ich eher zufällig dort gelandet, der Wald befindet sich auf fast 2000 Metern Höhe und man sieht die Affen, die durch das Füttern der Touristen fast zahm geworden sind, trotzdem ihre Scheu aber nicht ganz verloren haben und in einer gewissen Distanz bleiben.
Ich erreiche Meknes am frühen Nachmittag und somit zu früh zum Anhalten. Mit einem kurzen Blick auf die Karte stelle ich fest, dass ich die Stadt umfahren kann, ohne mich in den Verkehr stürzen zu müssen und ich fahre weiter in Richtung Fes. Auch hier, wie in den anderen Städten, nähern sich mir die üblichen Hotel-Vermittler mit günstigen Angeboten, die auch Stadtführungen anbieten. Nachdem ich vollgetankt habe, fahre ich Richtung Stadtausfahrt weiter, nach wenigen Kilometern merke ich jedoch dass ich ins Nichts fahre; die umliegende Landschaft hat den öden Charakter einer Wüste, daher kehre ich Richtung Fes um.
Diese Entscheidung war goldrichtig denn sobald ich wieder in der Stadt bin, merke ich, dass mit dem Vorderrad etwas nicht stimmt: Ich kontrolliere und entdecke, dass ich einen Platten habe! Es ist das dritte Mal, dass ich nach Marokko komme und das dritte Mal, dass ich mir auf Asphalt eine Reifenpanne am Vorderrad zulege und jedes Mal ist es auf der Rückreise kurz vor Tanger. Unglaublich, die Umstände sind immer die gleichen! Bei der erstbesten Tankstelle pumpe ich den Reifen auf und mache mich auf den Weg um einen Reifenmechaniker zu finden, der mir die Luftkammer austauscht. Das erweist sich jedoch als schwierig, die meisten die ich finde, wollen es nicht machen, wahrscheinlich, weil man das Gummi von Hand abziehen muss, was sehr mühsam ist. Nachdem ich einige abgeklappert habe, finde ich einen, der sich bereit erklärt, die Arbeit zu erledigen. Während der Reifenmechaniker die Luftkammer wechselt, kommt ein Sizilianer mit einem SUV für den Reifenwechsel. Er sieht, dass ich Italiener bin, wir wechseln ein paar Worte und er erzählt mir fast seine ganze Lebensgeschichte und dass er zum Arbeiten in Marokko ist. Ich frage ihn, ob er ein gutes und preiswertes Hotel in der Nähe kennt und sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, bringt er mich mit seinem Auto in ein Hotel, das nicht weit weg ist und dessen Besitzer er kennt.
Der einzige Makel dieses Hotels ist, dass ich das Motorrad draußen auf dem Fußweg lassen muss, wo es jedoch von einem Wächter, dem ich ein paar Dirham zustecke, die ganze Nacht über bewacht wird – und natürlich schließe ich es mit der unverzichtbaren Kette an. Ich drehe eine Runde durch die Stadt, die ich angenehm und in ihren Strukturen modern empfinde, mit einer sehr schönen Fußgängerzone im Stadtzentrum.

Der 23. Oktober ist der letzte Tag, die Reise geht Richtung Tanger Med, um dort auf die Fähre für die Rückreise einzuschiffen. Ich will eine Straße einschlagen, die ich in der Vorbereitungsphase abgesteckt hatte, jedoch in die entgegengesetzte Richtung, also von Nord nach Süd. An einem Kreisel auf der Höhe von Chefchaouen halte ich, um den Weg auf der Karte zu prüfen, als ein junger Mann sich mir nähert und mir Haschisch anbietet. Ich lehne ab, aber der Typ wird aufdringlich, so dass ich gezwungen bin weiterzufahren, um ihn loszuwerden.
Die Straße ist etwas kurvig und als ich ein Drittel zurückgelegt habe finde ich auf den Straßenschildern Namen von Ortschaften, die es auf der Karte nicht gibt. Daher bitte ich mehrere Leute, die ich treffe um Auskunft, aber obwohl ich ihnen die Straßenkarte zeige, können sie mir keine verwertbaren Hinweise geben oder ich verstehe sie nicht. Am Ende sagt mir ein Polizist auf Englisch, dass ich umkehren muss, um an mein Ziel zu gelangen, da es diese Straße nicht mehr gibt!!!
Ich fahre wieder los und in der Zwischenzeit habe ich die 200 Kilometer um Einiges überschritten, in einem Dorf treibe ich Benzin aus dem Kanister auf zu einem um 20% teureren Preis. Ich fülle mit ein paar Litern auf, so viel wie nötig ist, um aus dieser Situation in die ich mich hineinmanövriert habe, wieder hinauszukommen.
Die weitere Straße hat meine Geduld auf eine harte Probe gestellt: hundert Kilometer Kurven in den Bergen und ein Boden der, auch wenn er asphaltiert ist, Meereswellen zu bilden schien, ein dauerndes, nerviges Wellenreiten, so dass es unmöglich ist, eine vernünftige Geschwindigkeit zu fahren. Mit einem Mal gerate ich auf der Straße in der Nähe eines Dorfes in zwei an die hundert Meter voneinander entfernte Gruppen vieler feiernder Personen, die die ganze Straße einnehmen. Die Frauen feingemacht und herausgeputzt mit sehr bunten und prächtigen Kleidern, die eine von ihnen umringen und feiern, während die Männer Musik machen, singen und tanzen. Ich denke, ich halte alles im Film fest, dagegen ist die Sony, die ich auf meinem Helm habe in Foto-Modus und die erste Begegnung filme ich nicht: Da ich aber rechtzeitig den Fehler bemerke, schaffe ich es, die zweite aufzunehmen. In beiden Fällen, halte ich am Straßenrand und mache den Motor aus, um nicht zu stören, während ich warte, bis alle Leute vorbeigezogen sind. Während im ersten Fall der Zug ohne Probleme vorbeiströmt und ich meinen Weg fortsetzen kann, sind die Leute im zweiten etwas zu fröhlich und nähern sich mir ausgelassen und aufdringlich, um mich nach Geld zu fragen. Ich habe den Eindruck, dass die übermütigsten unter ihnen unter Einfluss irgendeines Rauschmittels stehen, deshalb mache ich die Maschine an und gebe ein paar Mal Gas, wodurch die Leute zurückweichen und sich eine Gasse bildet, so dass ich durchfahren und meinen Weg wieder aufnehmen kann.
Den letzten Tag verbringe ich im Hafen damit, auf das Boarding der Fähre zu warten und alle Zollangelegenheiten zu erledigen, die einfacher und schneller sind als bei der Einreise.
Diese Reise war anders als die, die ich bisher unternommen habe. Ich habe viel Neues gelernt, an das ich mich noch lange erinnern werde: nie etwas als selbstverständlich nehmen, das Unvorhersehbare lauert überall, alleine zu reisen hat seine Vor- und Nachteile aber…die wesentliche Sache ist, dass ich mich frei fühle wenn ich mit meiner Maschine auf Reisen bin, sowohl körperlich als auch im Kopf. Ich sehe die Welt mit anderen Augen, erlebe jeden Tag den Geruch des Windes; ein mit offenen Augen geträumter Traum, der Wahrheit wird.
Daran liegt es, dass ich mich sobald ich zurückgekehrt bin in Gedanken immer gleich auf die Suche nach der nächsten Reise mache – ob das dIE Afrika-SEHNSUCHT ist?

Fotos und Text: Efesto Moros

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