Dual Di 28 November 2017

MAROKKO ÜBERQUERUNG DES ATLAS IM ALLEINGANG - erster Teil

Meine Reisen nach Afrika beginnen immer lange vor der Abreise, wenn ich anfange dieselbe Lust auf Afrika in mir zu spüren, die mich bereits 2005 beim ersten Überqueren des Mittelmeers befallen hat. Seitdem überlege ich wieder und wieder, was dieses sogenannte Afrika-Fernweh ist, von dem ich so oft gehört habe. Auch nach Jahren und zahlreichen Reisen nach Afrika habe ich es noch nicht verstanden und werde es wohl auch nie verstehen, daher bin ich vorerst zum Schluss gekommen, dass es nichts anderes ist, als der Wunsch und das Verlangen danach, einen Kontinent zu erkunden, seine Besonderheiten und Fremdheiten die für unseren Alltag ungewöhnlich sind. Sich an einen Lebensrhythmus zu gewöhnen der das Gegenteil von unserem ist, wo was man heute nicht schafft, morgen erledigt werden kann oder auch übermorgen, wo der Tag morgens um 9 Uhr mit einem langsamen Rhythmus beginnt, fast wie in Zeitlupe, wo es bis zum Abend keine Pausen gibt und die Läden nicht zum Mittag geschlossen werden. Wo die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Menschen unbegrenzt ist - auch wenn sie nicht immer bedingungslos ist und du um eine Gegenleistung gebeten wirst. Wo ein Tee, der als Willkommensgruß und aus Herzlichkeit angeboten wird, dich stärkt und dir neuen Antrieb gibt, wieder zu starten nach einem Lächeln und einem Händedruck. Vielleicht ist es das, was wir nicht mehr gewohnt sind, was die Afrika-Sehnsucht ausmacht: die Einfachheit der Dinge, die wir schon viel zu lange vergessen haben.
Auch diese Reise begann bereits lange im Voraus, nämlich Monate vorher mit der Vorbereitung. Aber der Gedanke an eine weitere Reise, um zurückzukehren nagte an mir wie ein Holzwurm bereits seit ich 2014 das letzte Mal aus Marokko und Mauretanien zurückgekehrt bin. Ich bereite mich vor indem ich das Terrain genau studiere und die Reiseroute in Tagespensa unterteile. Natürlich werden sich bei einer auf Papier für 10 bis 15 Tagen geplanten Reise wegen der Unterschiedlichkeit der Gebiete, die Tag für Tag zu durchqueren sind aber auch durch unvorhersehbare Faktoren Änderungen ergeben. Ich lasse immer den letzten Tag als Reservetag für den Fall, dass sich eine Verspätung gegenüber dem Zeitplan ergibt, da man immer den letzten und wichtigsten Termin nicht verpassen darf: die Fähre für die Rückreise.
Mitte der Achtziger Jahre kaufte ich meine erste Enduro-Maschine, eine gebrauchte Honda XL 600 und bereits damals war mein Traum, einmal um das Mittelmeer zu fahren, ein abenteuerlicher Traum. Mein Leitmotiv ist immer das des Enduro-Reisenden, ein Ausdruck mit dem ich mich gerne selbst definiere, auf dem Motorrad Länder und Orte bereisen und entdecken. Mich hat immer das Kennenlernen und Entdecken unbekannter und faszinierender Länder angezogen, vor allem von Regionen in Afrika, wo es Gewohnheiten und Gebräuche zu entdecken gibt, die für uns abendländische Europäer ungewöhnlich sind. Aber dazu muss man von den üblichen Routen des invasiven Massentourismus abweichen, der die Aspekte des alltäglichen Lebens verfälscht.
Das Hauptziel dieser Reise war die Überquerung der Bergkette des Atlasgebirges von Nord nach Süd. Jedes Mal wenn ich in diesen Jahren die Karte von Marokko aufschlug und mein Blick auf die Berge und Gipfel fiel, die häufig 2000 Höhenmeter übersteigen, weckten diese in mir zusammen mit den vielen Erzählungen, Fotos und Filmen dieser Gegenden aus dem Web immer eine große Neugier. Die Fantasien in meinem Kopf überschlugen sich, und ich sah mich dort im Sattel meines zuverlässigen und untrennbaren Motorrads, das ich immer so übertrieben gründlich vorbereite, dass ich kurz vor der Abreise fast Übelkeit empfinde, wenn ich zum wiederholten Male Tag für Tag denke und grüble ob alles in Ordnung ist, um die Wahrscheinlichkeit von mechanischen Problemen so weit wie möglich zu reduzieren. Doch diesem Schicksal entkommt man nicht und natürlich haben sich auch dieses Mal einige Probleme ergeben und mich dazu gezwungen, den Reiseplan kurzfristig zu korrigieren.

Aber ich gehe der Reihe nach und beginne damit, dass der Motor meiner Maschine noch 14 Tage vor der geplanten Abreise von Savona aus offen auf der Werkbank der Garage lag, weil einige Kolbenringe ausgetauscht werden mussten und bis zu diesem Zeitpunkt war noch nichts sicher. Nachdem der Motor dann zu war, habe ich es geschafft, an die tausend Kilometer zu fahren um zu überprüfen ob alles in Ordnung ist und problemlos läuft, so dass ich die letzte Woche den letzten Details des Gepäcks widmen konnte: Beladen des Motorrads, Vorbereitung der Werkzeuge und Ersatzteile. Ich bin so besessen von dem Gedanken, dass ich das zur Reparatur der Maschine Erforderliche nicht habe, dass ich mehr Ersatzteile und Werkzeuge mitnehme als Kleidung und… Unterhosen
Der verhängnisvolle Tag der Abfahrt kommt, sie ist für 12 Uhr geplanten ist, da die Fähre um 23.00 von Savona ablegt. Am Morgen bin ich noch mit einigen Nachbesserungen am Motorrad beschäftigt, dem Abbau des Seitenständers und Anschweißen einer Ausgleichsscheibe an der Stelle, wo er auf dem Boden aufsetzt, um die Neigung des Motorrads zu verringern. Dies hat sich in letzter Minute als notwendig herausgestellt, da am Abend vorher die zu große Neigung unter dem Gewicht der Taschen, des Zeltes und der Ersatzreifen den Ständer fast durchbrechen ließ.
Die ganze 500 km lange Reise auf der Autobahn fahr ich mit einem Ohr an der Maschine, um verdächtige Geräusche sofort zu bemerken, aber alles läuft reibungslos. In Genua treffe ich meinen Freund Claudio, auch ein „Afrikaner“ von alters her, mit dem ich abends eine Pizza esse und wir erzählen uns die letzten Basteleien die wir auf unseren Maschinen gemacht haben (er baut eine superleichte und klasse abgeänderte Africa Twin, die glaube ich so weit geht, dass sie nicht mehr als 150 kg wiegt!). Zwischen einer Anekdote und der nächsten wird es spät und nachdem ich ihm meine Onroad-Motorradkleidung übergeben und die Offroad-Kleidung angezogen habe, muss ich schnell fahren, um rechtzeitig zum Boarding anzukommen und erreiche Savona nur eine halbe Stunde vor Abfahrt.
Während der zweitägigen Überfahrt habe ich alle Zeit der Welt, um alle Strecken, die ich mit Hilfe des GPS-Geräts und der Michelin-Straßenkarte geplant habe, noch einmal durchzugehen, zu studieren und mir ins Gedächtnis einzuprägen. Ich nutze die Zeit auch, um mich zu entspannen und zu schlafen, da ich in den letzten Monaten während der Vorbereitungen wenig dazu gekommen bin.
Um Mitternacht des 9. Oktober legen wir im Hafen Tanger Med an und zuerst einmal muss ich das Hotel finden, dass ich im Internet dreißig Kilometer weiter östlich ausgemacht hatte, das heißt in Richtung der Atlas-Überquerung. Am nächsten Morgen bin ich zum Aufbruch zu diesem neuen Abenteuer fertig und schalte den GPS-Navi ein, um die anstehende Strecke einzustellen und… da ist nichts mehr, alles verschwunden, alle 23 Strecken, die ich in monatelanger Arbeit vorbereitet habe, sind weg. In dem Moment steigt die Panik in mir auf und ich male mir die katastrophalsten Szenarien aus. Die Schlimmste ist, dass ich ohne die Strecken völlig auf die Straßenkarte angewiesen wäre und somit den Traum, den Atlas auf Piste zu überqueren, vergessen kann und Straße fahren muss. Die Enttäuschung ist enorm und der Traum vorbei bevor er überhaupt begonnen hat.
Zum Glück ist mir bei meinem Bestreben, alles so vorausschauend wie möglich vorzubereiten, am Abend vor der Abreise die tolle Idee gekommen, alle Strecken auf einen USB-Stick zu kopieren und diesen mitzunehmen. Die Sache tröstet mich über den Schreck hinweg, denn ich brauche nur einen PC zu finden, um sie zu laden. Ich wende mich an die IBIS-Hotelrezeption, wo man sich sehr freundlich bereit erklärt, mir bei der Lösung dieses nicht ganz alltäglichen Problems zu helfen. Ich schaffe es, die Garmin-Software herunterzuladen, die nötig ist, um die Strecken auf das GPS-Gerät zu laden, aber aufgrund von Einschränkungen, für die nur der System-Administrator autorisiert ist und von dem natürlich niemand weiß, wer es ist, stellt sich die Installation als unmöglich heraus. Nachdem ich ein paar Stunden damit verbracht habe, die verschiedenen PCs des Hotels durchzuprobieren, bringt man mich in ein Internet-Café, wo ich alles erledigen kann, bloß dass ich nach den ganzen Schwierigkeiten erst nach Mittag losfahre so dass sich die geplante Tagestour in Nichts auflöst. Nachdem ich ungefähr 200 km an der Mittelmeerküste zurückgelegt habe, nutze ich die Gelegenheit und lasse in einer Werkstatt die Reifen der Maschine austauschen, so dass ich das überflüssige Gewicht loswerde und Stauraum gewinne und die Piste mit neuen Reifen in Angriff nehmen kann.
Bevor es dunkel wird, finde ich ein Hotel für die Nacht, schön luxuriös… eher zu luxuriös. In den ersten beiden Nächten habe ich schon zu viel für das Übernachten ausgegeben verglichen mit dem in Marokko üblichen Standard, der um die 10 bis 20 Euro pro Nacht liegt. Aber diese Hotels sind besser ausgestattet und das will natürlich bezahlt werden und abgesehen davon habe ich keine Alternative.
Am Morgen des 11. Oktobers beginnt die “richtige” Reise: Ich habe nur noch um die fünfzig Kilometer an der Küste vor mir bevor ich auf die Piste auf dem Atlas abbiege, die sofort steil emporklettert. Mit den Tanks, die alle mit Benzin vollgetankt sind (40 Liter) und dem Gepäck erklimme ich die Steigung im ersten und zweiten Gang und halte oft an, um den Motor abkühlen zu lassen, Fotos zu schießen und die Landschaft zu genießen, die anfängt sich zu verändern und mir einzigartige Ausblicke aus der Höhe beschert. Die Maschine hat sich bei ihrer ersten wirklichen Beanspruchung perfekt verhalten, ohne auch nur ansatzweise zu schwächeln.
Nach zirka hundert Kilometern verlasse ich die ersten Berge, die sich in eine Hochebene verwandeln, die Temperatur hat sich völlig gewandelt, man fühlt schon den Unterschied zum mediterranen Klima, das durch eine leichte Brise auffrischt. Weil die Piste schwierig wird und wegen des fehlenden Trainings des Sommers, lässt mich mein kaputtes rechtes Knie die Erschöpfung spüren. Wegen der trockenen Hitze habe ich nicht den Eindruck dass ich schwitze aber ich weiß, dass ich viel trinken muss und genau deswegen habe ich mich mit einem Wasservorrat eingedeckt. Neben den zwei Litern im Camelbag habe ich noch zwei Liter mit Mineralsalzen in einer Flasche, die mit der Spinne auf den Taschen befestigt ist.

Nachdem ich von den ersten Bergen auf die Ebene heruntergefahren bin, komme ich mehrere Male von der Piste ab, daher bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die GPS-Strecken zu vertrauen. Wenn man recht überlegt, reicht hier ein Regen von wenigen Minuten, um die Spuren auf dem Boden zu löschen. Je mehr ich weiterfahre, desto mehr wird mir bewusst oder desto mehr erinnere ich mich vielmehr, dass die Distanzen enorm sind und die Strecken auf der Karte einen Eindruck vermitteln, der anders ist als die Wirklichkeit. Die Fahrtzeiten sind lang und ich beginne zu ahnen, dass ich wahrscheinlich nicht vor Abend in Guercif ankomme, der Stadt in der ich geplant hatte, zu übernachten.
Ich muss mehrere Male im Schatten anhalten, um wieder zu Kräften zu kommen und nicht zu sehr zu ermüden. Ich möchte es vermeiden, Einschätzungsfehler zu machen, die zu Stürzen führen könnten. Am Nachmittag mache ich für eine gute Stunde Rast bei einem total entlegenen, einsamen Lebensmittelladen, nahe einer asphaltierten Straße. Sehr herzlich werde ich eingeladen auszuruhen, die Sonne steht hoch und am Himmel ist kein Wölkchen zu sehen. Ich sitze im Schatten und merke wie allmählich die Kräfte wiederkehren. Ich nutze die Gelegenheit um viel zu trinken und beobachte dabei die Menschen, die auf der Straße vorbeikommen, um an diesem weit weg von jeglicher Zivilisation mitten auf einer von Bergen umgebenen Hochebene sozusagen am Ende der Welt gelegenen Laden anzuhalten. Die Leute kommen hier nicht nur her, um etwas zu kaufen, sondern auch, um sich zu treffen und ein paar Worte mit dem Besitzer zu wechseln oder mit denen, die sich gerade im Laden befinden. Mir wird klar, dass dies ein Treffpunkt ist, ein Ort, an dem man sich verabredet oder wo man eine Mitfahrgelegenheit sucht. Nachdem ich meine Fahrt wiederaufgenommen habe, bringt mich die Hitze dazu, auf die letzten Kilometer der Piste zu verzichten und ich schaffe es in der Stadt Guercif anzukommen, in der ich auf der Suche nach einem Hotel herumfahre. Die Stadt ist chaotisch, ich bin müde und habe wegen des Durcheinanders nicht viel Lust hier weiter herumzukurven. Deswegen überlege ich es mir noch einmal und lege einige Kilometer auf der Straße auf der ich gekommen bin zurück, um an einem Hotel anzuhalten, das ich bereits vorher gesehen hatte. Der Preis ist erschwinglich und auch das Zimmer ist nicht schlecht. Vor allem scheint es sauber zu sein, auch wenn es ein bisschen nach einem Stundenhotel aussieht mit seinen rotgestrichenen Wänden. Leider gibt es dort kein Essen, aber der junge Mann an der Rezeption braucht nur einen Anruf um mir innerhalb einer halben Stunde eine Hähnchen-Gemüse-Tajine bringen zu lassen, die ich hungrig verschlinge.
Ich habe vor, am folgenden Tag morgens früh loszufahren, um die Hitze der Mittagsstunden zu vermeiden und daher gehe ich früh zu Bett. Auch weil es hier nichts gibt, was zum langen Wachbleiben verleiten könnte. Am 12. Oktober fahre ich ziemlich früh los und nachdem ich in die Piste eingebogen bin, schlägt mir sofort ein sehr starker Wind entgegen, der es unmöglich macht weiterzufahren. Daher beschließe ich, den ersten Abschnitt abzukürzen und direkt auf asphaltierten Straßen auf die Berge hochzufahren. Die Piste ist erst einmal sehr gut und ohne Wind und auf vielen Kilometern breit, so dass ich reibungslos weiterkomme. Aber nach einiger Zeit beginnen die starken Steigungen mit vielen exponierten Abschnitten und der Weg fängt an kurvig zu werden. Manchmal habe ich den Eindruck mich zu verfahren aber ich beschließe den Strecken auf dem GPS zu trauen und komme bis auf eine Höhe von 2000 Metern.
Die Bergdörfer bestehen aus wenigen Häusern und Einwohnern, die an diesen entlegenen Orten als Hirten von ihren Herden leben. Sobald sie das Geräusch des Motors meiner Maschine hören, das die absolute Stille unterbricht, kommen sie zum Vorschein um neugierig zu schauen, wer vorbeikommt. Die Kinder laufen mir entgegen. An einer Gabelung schlage ich den falschen Weg ein und setze bei den Wendemanövern auf dem steinigen Abschnitt, unter den Augen von zwei auf einem Mäuerchen sitzenden Jungs das Motorrad auf der linken Seite auf. Meine Schimpftiraden steigen in die Stille des Gebirges auf, sobald ich sehe, dass der Tank an der Stelle ein kleines Leck im unteren Teil hat, wo er das Benzin quasi ausschwitzt. Nicht viel, aber um zu verhindern, dass das ganze Benzin unnütz verloren geht, benutze ich beim Weiterfahren ausschließlich diesen Tank, bis er leer ist. Die Wichtigkeit eines ausreichenden Benzinvorrats steht nach dem des Trinkwassers sofort an zweiter Stelle.
Zu Beginn der letzten 50 km auf der Hochebene, komme ich erneut von der Piste ab, auf einigen 100 Metern folge ich dem GPS aber die Piste endet in einem Graben, den ich unmöglich überwinden kann und der wahrscheinlich vom Wasser ausgespült worden ist. Nachdem ich den Rand des Grabens auf der Suche nach einem Übergang ergebnislos abgefahren habe, kehre ich um und fahre bis zu einer früheren Weggabelung, um herauszufinden, ob sich der Weg im Laufe der Zeit geändert hat, denn die Strecke, die ich auf dem Navi hatte, war schon mehrere Jahre alt. Die neue Piste führt mich zu einem Haus von Hirten, wo ich jedoch niemanden antreffe. Aus einem Stall kommen einige Hunde, die mich anbellen und als ich vom Motorrad steige und mich dem Haus nähere, um nach Informationen zu fragen, werden die Hunde auf einmal mehr. Bis an die zehn Stück umzingeln mich drohend und fangen zu an knurren, wobei sie deutlich alle Zähne zeigen. Da sie immer aggressiver werden, nehme ich einen Stock vom Boden und versuche sie auf Abstand zu halten, aber ich bin wirklich verschreckt, in solch einer Situation habe ich mich noch nie befunden. Zum Glück kommt eine durch das Gebell aufmerksam gewordene Berberfrau aus dem Haus, die die Hunde durch Werfen einiger Steine verjagt, was mich erleichtert. Ich schaffe es ihr zu erklären, dass ich den Weg zum Weiterfahren suche und sie schafft es wiederum mir zu erklären, dass ich den Graben überqueren muss. Ich entferne mich von dem Haus begleitet von den wachsamen Blicken der Hunde, die mir weiter nachbellen bis zu einer Ruine in 50 Metern Entfernung. Zu Fuß versuche ich, nach den Hinweisen der Frau einen Weg zu finden, aber ohne Erfolg, die Böschung ist zu Steil, um sie überwinden zu können. Ich gebe also auf und prüfe die Möglichkeit, mein Zelt im Innern der Ruine aufzuschlagen, wo es vor Wind geschützt und in ausreichender Entfernung von den Hunden ist.
Nachdem ich das Zelt aufgebaut habe und da die Sonne noch hoch steht, suche ich zu Fuß einen Übergang, den ich am nächsten Tag mit der Maschine fahren würde aber ohne Erfolg. Daher entschließe ich mich nach Studium der Straßenkarte, an die zehn Kilometer zurückzufahren, um auf die asphaltierte Straße einzubiegen und dann bis Midelt zu fahren, das Etappenziel, das ich an jenem Tag hätte erreichen müssen.
Bevor es dunkel wird, kommt auch der Familienvater nach Hause, ich schätze er ist ungefähr vierzig Jahre alt, sieht aber viel älter aus. Er trägt eine schwere Jacke aus Wolle mit einem Riss im Ärmel auf Schulterhöhe. Jedes Mal wenn er spricht, bewegt sich das Gebiss, das er im Mund hat, ein untrügliches Zeichen dafür, dass es nicht seins ist, sondern wahrscheinlich vom Vater geerbt oder von jemand anderem gekauft wurde, was in dieser Gegend üblich ist. Der Mann erklärt, dass ich mich dem Haus besser nicht nähere, um nicht von den Hunden angegriffen zu werden und dass der Weg nach Midelt sich in die Berge hinaufwindet, schwierig ist oder gar nicht mehr existiert. Ich verstehe nicht ganz, was er genau sagen wollte, aber sicher ist, dass ich umkehren muss. Ich denke es hat keinen Sinn, mich in gefährliche Abenteuer zu begeben. Ich schlafe früh ein, fast sofort nach Sonnenuntergang. Die Nacht verbringe ich mit einem gespitzten Ohr und immer wieder aufgeschreckt von Geräuschen, von denen ich fürchte, dass sie von den sich nähernden Hunde stammen könnten. Gegen vier Uhr morgens beginnt es zu regnen und ich verfluche das Pech, das mich verfolgt, ich denke an den schlammigen Boden, den ich am Morgen vorfinden würde und an die Schwierigkeit, das Zelt unter dem Regen abzubauen und das Motorrad zu beladen.
Bei Tagesanbruch des 13. Oktobers wache ich auf und stecke die Nase heraus, der Boden ist trocken aber das Zelt noch nass, daher mache ich das Gepäck fertig und belade das Motorrad, bleibe selbst aber drin, bis die Plane getrocknet ist, damit sich im Sack kein Schimmel bildet.

Einige Tropfen fallen noch vom Himmel und mir bleibt nichts als zu warten. Ich bin am Anfang meiner Reise und habe daher ausreichend Zeit, außerdem muss ich mich an den Rhythmus vor Ort gewöhnen, der mit Sicherheit nicht so ist, wie der, den wir gewöhnt sind. Nach einer Weile kommt der Mann vom Vortag, der sich mit einem Hüsteln ankündigt, und ich sehe, dass er mir ein bisschen Brot mit heißem Tee gebracht hat, was ich sehr gerne annehme und ich biete ihm ein paar Dirham zum Dank für die freundliche Geste an. Die Hunde begleiten ihn und bei jeder meiner Bewegungen bellen sie, wenn auch mit etwas Abstand. Der Mann schmeißt ab und zu einen Stein nach ihnen, damit sie aufhören aber nach wenigen Sekunden fangen sie wieder an, bis ihr Herr wieder nach Hause geht und sie ihn begleiten. Nach ca. einer halben Stunde haben Sonne und Luft das Zelt getrocknet, so dass ich es abbauen kann und die Fahrt wieder aufnehme unter den wachsamen Augen und dem Gebell der Hunde, die mir für hundert Meter auf den Fersen bleiben.
Wie ich am Vortag geplant habe, fahre ich auf der Piste zirka zehn Kilometer zurück und komme auf die asphaltierte Straße nach Missour. Am frühen Nachmittag komme ich in der Stadt an und nach Tagen mit Brötchen und Müsliriegeln halte ich an einer Gaststätte mit Straßenverkauf an, um zu essen und wieder gut zu Kräften zu kommen. Hier schneiden sie das Lammfleisch im Moment der Bestellung vom Stück und bereiten es frisch zu, eine Köstlichkeit.
Ich breche wieder auf, um die 100 km bis zur Stadt Midelt abzureißen. Sobald ich auf die Piste fahre, bin ich gezwungen umzukehren aufgrund des starken Windes der von Westen pfeift und mich daran hindert, die Maschine gerade zu halten, auch nicht bei 70 km/h. Auf diesem Abschnitt gibt es keine bewohnten Ansiedlungen, die Straße ist völlig gerade, wie mit dem Lineal gezogen und durchquert die Ebene über dutzende Kilometer hinweg, die ich mit der Maschine in permanenter Schräglage zurücklege. Der Wind wirbelt viel Sand auf, die Autos und LKWs, die mir entgegenkommen wirbeln, noch mehr auf. Da mir der ins Gesicht schlägt, bin ich gezwungen anzuhalten und unter dem Helm die Sturmhaube überzuziehen, um das Gesicht, den Mund und die Nase abzudecken.
Ich komme in Midelt an und suche gewohnheitsmäßig ein Hotel zu einem guten Preis was ich auch finde. Nachdem ich mich frisch gemacht habe, mache ich einen Erkundungsgang in der Stadt der Äpfel, die so genannt wird, da der Anbau von Äpfeln das größte Auskommen für die Region liefert. Beim Umherschlendern auf der Suche nach einem Lokal zum Essen, sehe ich einen eingestaubten Enduro-Fahrer mit einer Honda-Transalp vorbeikommen der in einem Hof verschwindet. Ich folge ihm, spreche ihn an und wir kommen ins Gespräch. Er ist Spanier, total staubig und verschwitzt und erzählt mir, dass er mit einer Gruppe von Motorradfahrern unterwegs war. Er ist beim Überqueren des Iriki-Sees gestürzt und hat sich das Knie verstaucht. Nun befindet er sich auf dem Rückweg Richtung Norden auf Asphaltstraße, während seine Reisefreunde die Tour offroad fortsetzen, um sich dann bei der Fähre wiederzutreffen.

Ende erster Teil
Fotos und Text: Efesto Moros

 

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