Dual Di 05 März 2019

Mit dem Motorrad auf der antiken Seidenstraße

“Nachdem die Seidenstraße über Jahrhunderte hinweg nach und nach verlassen wurde, ist die Linie zwischen der Karakum-Wüste in Turkmenistan und der Taklamakan-Wüste im chinesischen Turkestan eine der am wenigsten bereistenGegenden dieses Planeten. Bis am Anfang des 20. Jahrhunderts einige der besten – und weitsichtigsten – Forscher der Antiken Geschichte plötzlich alle zusammenentschlossen aufzubrechen, um die Zivilisationen zu erforschen, von denen man erzählte, dass sie unversehrt unter dem Sand begraben liegen.“
Peter Hopkirk - Die Seidenstrasse – auf der Suche nach verlorenen Schätzen in Chinesisch-Zentralasien.

Seit ein paar Jahren schon organisiere und begleite ich Motorradtouren in allen möglichen Teile derWelt, in den USA, in Tunesien, Marokko, Neuseeland, Südafrika, an den Nordpol, in Albanien, Irland,… kurz gesagt: überall, wo man mit dem Motorrad hinkommt.

Es konnte kein Zufall sein, dass ich eines Morgens (ich kann mich so gut daran erinnern, als wäre es gestern gewesen) einen Anruf von Dr. Pierpaolo Pozzi von der Reis-Firma Riso Principebekomme. Er teilt mir mit, dass er und Dr. Gianluca Pesce von der Riso Scotti (namhafte Firma der gleichen Branche) mich gerne treffen würden, um zusammen eine Transhimalaya-Tour in der Ladakh-Region als Firmenmotorradreise des Unternehmens Riso Scotti S.p.A. zu planen. Wir treffen uns und verstehen uns auf Anhieb! Das war Anfang April 2016 und ich machte mich sofort an die Arbeit: Für eine so wichtige Reise, auf der ich 16 Biker inklusive Dr. Dario Scotti in Ladakhbegleiten würde, musste alles perfekt geplant und organisiert werden. Der Khardung-La-Pass mit seinen 5700 Metern Höhe sollte auf dem Motorrad überquert werden und das Ganze noch dazu innerhalb des Feed the Planet-Projektes der Firma Riso Scotti. Nicht gerade ein Kinderspiel.

Gut, wenn ich jetzt, nachdem ich die Transasien 2017 gefahren und gut zu Ende gebracht habe, daran zurückdenke kann ich darüber lächeln. Ich lächele angesichts der Erinnerungen an diese wunderbare Reise und des Kopfzerbrechens, das mir (nicht ohne Grund) unser Vorhaben bereitet hat!

Wir sind noch nicht wieder ganz zu Hause angekommen von diesem Abenteuer, als bereits neue Ideen an den Start gehen. Dr. Pesce ruft mich an und sagt mir, dass wir im Juni wieder losfahren müssten. Diesmal musste eine noch außergewöhnlichere Reise geplant werden, als die gerade beendete! Die Anfangsidee war, dass das Ziel Samarkand sein sollte… „Fantastisch“ freute ich mich innerlich … anfangs …

Dann begann ich darüber nachzudenken … ja, Samarkand ist ein Muss-Ziel für Motorradfreaks aber … Es gab einige „Aber“ die durch meinen Kopf schwirrten, so von der Art: Das reicht nicht. Schon gehört. Schon gemacht. Ich rief Gianluca (Dr. Pesce) an und setzte noch einen darauf: Gianluca, was würdest du sagen, wenn wir statt die Reise in Samarkand enden zu lassen, bis nach Kashgar, in China weiterfahren, auf der antiken Seidenstraße Marco Polos?“ Einen Augenblick blieb es still. „Ich rufe dich gleich zurück“, war seine Antwort. Nur wenig später rief er michwieder an. Es brauchte nicht vieler Worte und schon war alles abgemacht. Wir begannen sofort, die Transasien 2017 zu planen, bzw. das, was eines der genialsten Reiseerlebnisse überhaupt werden sollte: Die Fahrt durch 6 Länder, über 6 Grenzen, darunter die mit der kompliziertesten Bürokratie der Welt: Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und last but not least China!

Das Ganze begann mit einer sechsmonatigen Vorbereitung der Reise, die enorme organisatorische Anstrengungen erforderte. Für jede Grenze mussten die Visa für die Teilnehmer und dieGenehmigungen für die Maschinen beantragt werden, um jegliche Pannen oder sogar die Verweigerung der Einreise auszuschließen! Könnt Ihr euch vorstellen, was das heißt, mit 22 Motorrädern und 22 Personen an irgendeiner Grenze festzustecken?

Alle Flüge reservieren, die Übernachtungen, den Transport der Motorräder von Italien in den Iran und dann in China erst von Kashgar nach Peking und dann von Peking wieder nach Italien. Die Planung der Benzinversorgung für 22 Maschinen über ca. 2500 km. Dazu muss man wissen, dass es in Turkmenistan und erst recht in Usbekistan fast unmöglich ist, Benzin an den normalen Tankstellen zu bekommen.

Und dann die Reise: Die über 4000 km werden auf „Straßen“ zurückgelegt, die meist unbefestigtoder in desaströsem Zustand sind. Von der turkmenischen Wüste, über die Ebenen Usbekistans bis zum atemberaubend schönen Pamir Highway – der vom Highway lediglich den Namen hat: Eineder schönsten Straßen der Welt, über unbefestigte Wege, durch Flussfurten, auf Steinen. Die darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Wer das Motorradfahren liebt, sollte alles daran setzen,sie wenigstens einmal im Leben zu fahren!

Die Wahl der Motorräder: 22 Moto Guzzi V7 III Stone! Sicherlich nicht unbedingt das beste Motorrad für solch eine Reise und diese Art von Straßen aber, sieh an, wieder einmal war eine große italienische Marke ihrer Aufgabe mehr als gewachsen. Diese Maschine hat während der gesamten Reise keinen Augenblick geschwächelt! Sie hat jeglichen Straßentyp bewältigt und alle Situationen gemeistert ohne mit der Wimper zu zucken! Ein wahres Juwel.

Ich gebe zu, ich machte mir vor und während der Reise viele Sorgen. Ich spürte die Verantwortung für das gute Gelingen dieses Unternehmens allein auf meinen Schultern lasten. Die Seidenstraße kann man fahren. Viele Biker nehmen es alleine mit ihr auf oder fahren vielleicht nur den Pamir Highway. Aber sie mit 22 Motorrädern und 22 Personen zu fahren, ist eine ganz andere Sache.

Und so trafen wir uns an jenem 14. Juni 2017 am Flughafen Milano Malpensa. Gepäck, Motorradkombis, Helme. Fix und fertig für den Abflug nach Mashhad, die auch als islamische Hauptstadt des Irans gilt, circa 70 km von der Grenze zu Turkmenistan gelegen. Dort warten unsere Motorräder auf uns und von dort startet unser Abenteuer.

Der Zweck dieser Reise – von der man im ganzen Leben wahrscheinlich nur eine macht – ist nicht nur das Abenteuer, durch sechs Länder, zwei Wüsten und über drei Bergpässe mit über 4000 Höhenmetern zu fahren, sondern auch die Lieferung von Hilfsmitteln nach Usbekistan. Unter den Republiken, die 1991 nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion entstanden sind, ist sie eineder ärmsten, sie birgt aber auch Schätze wie die „steinerne Stadt“ Samarkand. Diese ist 2017 das Ziel der Solidaritäts-Abenteuertour des Riso-Scotti-Teams; in 15 Etappen geht die Reise von Mashhad im Iran nach Kashgar in China und führt dabei durch Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan. Sofort nach dem Aufbruch von Mashhad hat man auf der Straße, die auf die Berge an der Grenze zu Turkmenistan führt, das Gefühl noch das Echo der Karawanen zu hören, die durch Zentralasien zogen, um Seide und Gewürze nach Europa zu bringen. Lang vergangene Schätze und Prunk, deren Licht aber noch bis heute strahlt und sich in den Majoliken der Nekropolis von Shah-i-Zinda in Samarkand wiederspiegelt, der Hauptstadt des einstigen Reiches von Tamerlan. Seit 2001 gehört die usbekische Stadt zum UNESCO-Weltkulturerbe und wird „Schnittpunkt der Kulturen“ genannt. Und so ist das, was am meisten in diesem Land beeindruckt, die Vielfalt der Ethnien, Sprachen und Abstammungen. Sichtbar ist dies an den Gesichtern derer, die in den Jurten der turkmenischen Wüste Karakum leben oder der Taklamakan-Wüste im China: die Uiguren, eine Volksgruppe mit chinesischer Nationalität, einer Turkspracheund islamischen Glaubens. Alle sind sie Erben der unter dem Sand begrabenen, intakten Kulturen.Diese warten auf ihre Wiederentdeckung entlang der Straße, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Wissenschaftlern und Abenteurern zu Tage gebracht wurde, bei dem Versuch die Spuren der Händler von einst nachzuzeichnen. Seitdem ist der Mythos der Seidenstraße wieder erstrahlt.

Gleich am Anfang haben wir die erste Klippe zu nehmen: Die Grenze Iran – Turkmenistan. Im absoluten Nichts, abgeschieden von jeglicher Zivilisation stehen sich zwei riesige Kasernen gegenüber. Bescheinigungen, Visa, Passierscheine für Mensch und Maschine. Alles wird penibelvon Hand ausgefüllt. Nicht enden wollende Kontrollen der Motorräder und unseres Gepäcks. Das kostet uns 11 Stunden, während derer wir uns in Erwartung eines Zeichens der Billigung in absoluter Geduld üben müssen. Als wir um sieben Uhr abends endlich hinübergelassen werden, empfängt uns ein total unbekanntes Land, das vom Massentourismus noch verschont geblieben ist. Schnell erreichen wir die Hauptstadt Ashgabat. Sie macht einen ähnlichen Eindruck wie Pjöngjang,nur viel prunkvoller: Gold und Reichtum überall und die Bevölkerung existiert praktisch nicht. Kein Auto, kein Motorrad. Am darauffolgenden Tag durchqueren wir das Land in seiner ganzen Länge durch die Karakum-Wüste. Wir müssen bei einer Hitze von bis zu 50°C eine Asphalt-Zunge in grottenschlechtem Zustand hinter uns bringen, um das Etappenziel zu erreichen: Darwaza, das „Tor zur Hölle“. Dabei handelt es sich um ein altes Gasvorkommen, das 1961 zum Explodieren gebracht wurde und noch heute brennt, so dass sein Licht mitten in der Sandwüste, in der wir übernachten, bis zum Himmel strahlt.

Von Turkmenistan geht es bei Khiva nach Usbekistan (und auch dieses Mal konnten wir die Grenze nicht schneller passieren), dann kommt das antike Bukahara und schlussendlich sehen wir vor uns das luftgespiegelte Samarkand flimmern. Acht Tage sind seit der Abfahrt in Mashhad vergangen, aber die Reise scheint eine Ewigkeit zu dauern. Die höllische Hitze auf den kaputten durchlöcherten Straßen verführt dazu, Samarkand als Ziel zu akzeptieren, aber den aufregendsten und spektakulärsten Teil der Reise haben wir noch vor uns.

In Tadschikistan eingereist wartet auf uns eine der schönsten Straßen, die man fahren kann und gefahren sein muss: Der Highway M41, besser bekannt als Pamir Highway. Er wird Pamir genannt, aber sein wahrer Name ist Bam-i-Dunya, das ist persisch und bedeutet „Dach der Welt“. Und sobald man sich auf den Weg gemacht hat, versteht man sofort den Grund für diesen Namen. Die Straße schlängelt sich über die von über 7000 Meter hohen majestätischen Gipfeln umgebene Hochebene, welche die eigentliche Attraktion des Landes sind. Die Pamir-Hochebene ist riesig, von ihr zweigen die eindrucksvollsten und prächtigsten Bergketten der Erde ab: der Hindukush im Nordwesten, der Tien Shan nach Nordost, der Karakorum und der Himalaya nach Südosten. Die Fahrt auf dem Pamir Highway - M41, der nach der des Karakorum zweithöchsten Straße der Welt,ist eine der außergewöhnlichsten Erlebnisse für einen Motorradfahrer. Sie wurde von den Russen in den dreißiger Jahren gebaut, um die Truppentransporte in die entfernten Vorposten des sowjetischen Imperiums zu erleichtern und ist bis heute die eindrucksvollste Straße der Region. Auch wenn sieabschnittsweise total kaputt und von Erosion und Erdrutschen schwer beschädigt ist, windet sie sich, nachdem sie über 600 km an der Grenze zu Afghanistan entlang führt, durch eine Reihe von Hochebenen und bietet einen herrlichen Blick auf die Berge. Es geht vorbei an tiefen türkisen Seen und Tälern soweit das Auge reicht, Mondlandschaften, Pferde- und Yak-Herden, antiken Gräbern, Thermalquellen und entlegenen Jurte-Lagern bis man, fast an der Grenze zu Kirgisistan, dem Land mit den letzten Nomaden, am wunderbaren Karakul-See ankommt. Noch eine letzte Etappe und wir erreichen endlich China, das Ziel ist Kashgar, eine der ersten Festungen der antiken Seidenstraße.

Die Reise war eine Herausforderung aber wir haben es geschafft. Mit all den unzähligen Schwierigkeiten, die eine Tour einzigartig machen und ohne die sie nur eine einfache Reise wäre. Das war sie nicht, sie war etwas sehr viel Größeres, ein echtes Abenteuer. Natürlich machten wir uns Sorgen, die hielten uns aber wachsam und aufmerksam und den Adrenalin-Level hoch. Wenn wir es geschafft haben, liegt das vor allem am Unternehmungs- und Teamgeist aller Beteiligten.„Was den Erfolg eines Unternehmens ermöglicht ist die Entschlossenheit der Personen.“

Text und Fotos: Andrea Alessandrelli
Video: Marco Polo TV

www.gobiker.it

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