Dual Do 29 März 2018

TIRRENO-ADRIATICA: quer über den Stiefel Reiseerzählung

Es sollte einer dieser gemütlichen Ausflüge werden, ‘mal ein anderes Wochenende als die üblichen Ausfahrten mit dem Motorrad, die zu Hause beginnen und dort auch wieder enden, auf den immer gleichen, wenn auch schönen Straßen. Drei unbekümmerte Tage, gemeinsam mit Freunden auf unseren Motorrädern. Zu sechst fahren wir an einem Montagmorgen zu früher Stunde von Massa Carrara los, um quer über den italienischen Stiefel zu fahren, also vom Tyrrhenischen Meer zur Adria, auf Schotter- und gut ausgebauten Staatsstraßen, um dann wieder den Heimweg nach Turin anzutreten.

Keiner von uns hätte erwartet, dass wir am Ende der Reise nur noch zu zweit übriggeblieben wären von der ursprünglichen Gruppe: Gianluca, der sich die Tour ausgedacht hat, Filippo, Mauro, Cristiano, Schon und ich, Marco. Eine Freundesgruppe von erfahrenen Fahrern, die für alle Fälle ausgerüstet sind, mit Zelten, Stollenreifen und Schutzkleidung. Wir begeben uns auf die erste einfache Schotterpiste nachdem wir die spektakulären Marmorbrüche von Carrara hinter uns gelassen haben und fahren alle mit einem guten Rhythmus. Dabei lassen wir etwas Platz zwischen uns, gerade so, dass wir nicht zu viel Staub schlucken müssen, als das Motorrad von Schon, der vor mir fährt, beängstigend zu schwanken beginnt. Ich halte neben ihm an, er sagt mir „Ich habe einen Platten!“ Ich schaue auf sein Hinterrad stelle aber fest, dass der Reifen einwandfrei rund ist. Wir steigen ab, um genauer zu prüfen. Schon entdeckt eine defekte Speiche. Er korrigiert sich: zwei, drei, vier… sechs glatt durchgetrennte Speichen! Wie kann das sein, fragen wir uns. Wir können uns das erst nicht erklären und bocken das Motorrad auf den Hauptständer, um es zu reparieren. Schon hat nämlich Reservespeichen dabei. Dabei bemerken wir, dass die Maschine kurz davor ist, ihre ganze Kardanwelle zu verlieren. Nun ist es leicht, nachzuvollziehen, was passiert ist. Die Schraube, mit der die Kardanwelle am Motorrad befestigt ist, hatte sich gelöst und beim Herausdrehen glatt sechs Speichen des Rades durchtrennt bis sie wer weiß wohin geschossen wurde! Allgemeine Bestürzung. Schon beschließt sie zu suchen und – unglaublich aber wahr – findet sie nach einigen Metern wieder. Keiner von uns hat jedoch den richtigen Schlüssel, um sie wieder festzuschrauben. Schon ist der erste, der nach Hause zurückkehrt, um 16.30 mit sechs kaputten Speichen, einer von Hand angezogenen Kardanschraube und nach vielen Kilometern und vielen Stunden mit Schrittgeschwindigkeit kommt er in Vicenza an. Vor wenigen Tagen erreicht uns die Nachricht, dass er auf dem Rückweg, nachdem er gemerkt hat, dass er noch eine Mutter verloren hat (ich weiß nicht genau welche) sich eine besorgt hat indem er sie mit dem 17er Schlüssel von der Leitplanke der Autobahn abgeschraubt hat. Die Mutter ist nun an seinem Motorrad verbaut!

Nachdem wir uns von Schon verabschiedet haben, nehmen wir die Fahrt mit einer Verspätung von mehr als zwei Stunden wieder auf. Um 20.30 hätten wir in Rimini sein sollen und wir haben erst ein Viertel der Strecke zurückgelegt.
Ein bisschen unglücklich über das was vorgefallen war, erreichen wir den höchsten Punkt der Schotterstraße, wo uns ein Verbotsschild erwartet. Um weiterzufahren, muss man sich eine reguläre Erlaubnis besorgen, die an einem nicht genau definierten Ort ausgestellt wird. Beim bloßen Gedanken ans Umdrehen siegt die uritalienische, einhellige Entscheidung weiterzufahren, und sich schon einmal über die gängigsten Ausreden im Falle des Protestes von Seiten der Ordnungshüter Gedanken zu machen. Aber nach wenigen Kilometern Schotter weicht die Sorge über die Regelwidrigkeit der Sorge um das Geschick Mauros. Wahrscheinlich der am wenigsten Erfahrene bei Offroad-Fahrten und sonst eher ein Straßenfahrer, hatte er sich uns angeschlossen, angelockt von unseren Erzählungen, wie man spektakuläre Orte inmitten der Natur auf dem Sitz des Motorrads erreichen kann. Und gerade in der vielbeschworenen Natur haben wir riskiert ihn zu verlieren! Eine heimtückische Abfahrt mit Geröll wird ihm zum Verhängnis, sie lässt ihn die Kontrolle verlieren und stürzen. Zum Glück bleibt das Motorrad auf der Kippe am Straßenrand aber der arme Mauro kugelt Meter um Meter hinunter bis sein Fall durch einen Baum gebremst wird. Wir denken ans Schlimmste, als wir losrennen, um ihm zu Hilfe zu kommen. Panisch sehen wir ihn wortwörtlich aus dem Laub wieder auftauchen. Alle stoßen wir einen Seufzer der Erleichterung aus, als wir ihn wieder bei uns sehen. Aber erst als der Adrenalinspiegel sich langsam wieder gesenkt hat, lassen wir uns zu einem erleichterten, unbändigen Gelächter hinreißen. Ein Lachen, das andauert, als wir beim Aufrichten der Maschine feststellen, dass das ABS noch an ist.   
Ende gut, alles gut, aber trotzdem will Mauro nichts mehr davon wissen, weiterzufahren. Er überlässt seine Maschine ihrem Schicksal und macht sich zu Fuß in Richtung der ersten Anzeichen der Zivilisation auf. Nun sind Filippo und Cristiano dran, sie müssen umkehren und sich um die Bergung der Maschine kümmern. Das ist nicht einfach, bei der schwierigen Straße, der beginnenden Müdigkeit und der immensen Verspätung gegenüber unserem Zeitplan.
Genau wegen dieser Verspätung haben wir beschlossen, vom restlichen geplanten Weg abzulassen und uns der vertrauten Autobahn anzuvertrauen. Um 20 Uhr 30 in Rimini angekommen, bauen wir das Zelt auf dem reservierten Campingplatz auf. Wir sind erleichtert und wissen noch nicht, welche Überraschung die Nacht für uns bereithielt. Nach einem verdienten Abendessen von der Fisch-Karte eines hübschen Restaurants in den Hügeln um Rimini kehren wir auf den Campingplatz zurück. Da es Juni ist, ist er leicht überfüllt und unsere Parzelle eher abgelegen.  

Anfangs hatten wir das als Vorteil gesehen, bis wir entdecken, dass jenseits der Hecke die Bahngleise verlaufen! Die Hochgeschwindigkeitszüge Frecciarossa und Italo, Regionalzüge und alles was sich auf Schienen tummelt, braust die ganze Nacht über an uns vorbei und lässt uns kein Auge schließen. Und dann, gegen drei Uhr nachts beschließen unsere deutschen Zeltnachbarn ihre letzten Biervorräte niederzumachen und dabei Ständchen in ihrer Muttersprache zum Besten zu geben. Wir konnten einfach nicht mehr. Erst hat Cristiano mit seinem höflichen Englisch auf freundliche Weise versucht, sie zur Vernunft zu bringen, dann hat es Mauro probiert, der ohne große Vorreden einige international sehr gut verständlichen „vaffa…“ (leck m….!) verteilt hat, aber erst dank des Auftritts von Gianluca (1,95 groß und 110 Kilo schwer), der ohne ein Wort aber mit Bauchstößen den ersten Deutschen zur Ruhe bringt und dessen Kumpel zur Flucht in den Campingwagen zwingt, kehrt Ruhe ein.
Der Anbruch des Samstagmorgens kündet sich nicht ohne Überraschung an. Mauro, der sogar bei dem Gedanken an die Fahrt über den mit Kieseln bedeckten Parkplatz des Campingplatzes panisch wird, entscheidet sich, aufzugeben und nach Hause zu fahren. Erst nach einigen Tagen und einigen Röntgenuntersuchungen entdeckt er, dass der Sturz ihm den Bruch zweier Rippen beschert hat.
Auch Cristiano, der durch die Ereignisse den Mut verloren hat, beschließt uns am Abend zu verlassen, um seine Entscheidung dann beim erneuten Nachdenken in den darauffolgenden Tagen bitter zu bereuen.
Wir bleiben also zu dritt. Zum Glück sind sowohl die Strecken als auch die Orte am Samstag wunderbar und geben mir Gelegenheit, Fotos und Videos zur Erinnerung an dieses Wochenende zu sammeln. Aber es ist kein Samstag, wie alle anderen. Heute Abend ist das Finale der Champions League und leider bin ich der einzige Fußballfan. Und nicht nur das, es spielt meine Mannschaft, Juventus. Dass die Unterkunft Samstag einen Fernseher haben musste, war also ein Muss. Als wir beim Campingplatz ankommen, stoße ich dann auch einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich ihn schön und mit allen Extras versehen entdecke. Schade nur, dass aufgrund eines E-Mail-Missverständnisses, welche nicht gelesen oder nicht bestätigt worden sind, so ganz erinnere ich mich nicht daran, der Besitzer uns den Platz nicht reserviert hat. Es kommt zu einem kleinen Schlagabtausch – daran erinnere ich mich gut – am Ende müssen wir gehen und riskieren es, das Spiel zu verpassen. Und wieder einmal ist das Glück uns hold. Nach wenigen Kilometern finden wir einen weiteren Campingplatz, wo es möglich ist zu übernachten, zu essen aber vor allem, das Spiel zu sehen. Nachdem wir die Motorräder und Zelte in Ordnung gebracht haben, entdecken wir jedoch, dass der Fernseher nicht größer ist als ein iPad. Ok, denke ich, Hauptsache man sieht etwas. Und in einem Anfall von unerwarteten Glücksgefühlen schließe ich einen Pakt mit Gianluca und Filippo und verspreche ihnen, das Abendessen zu bezahlen, falls Juve verlieren sollte. Wenn ihr euch für Fußball interessiert, dann wisst ihr, wie es ausgegangen ist. Wenn nicht: lasst euch sagen, dass ich das Essen und zwei Flaschen Brunello Montalcino bezahlt haben!

Sonntagmorgen fahren wir, nachdem wir es uns im herrlichen Schwimmbad des Campingplatzes gut gehen lassen haben, wieder los. Wir sind ein bisschen angespannt. Was ist noch von diesem Tag zu erwarten? Zum Glück ist das Wetter auf unserer Seite und die Offroad-Strecken der Toskana sind herrlich. Gut gemacht, Gianluca, du hast einen sehr schönen Weg ausgearbeitet, denk ich bei mir während ich fahre. Meine Gedanken schweifen zu denen, die uns am ersten Tag abhandengekommen sind und ich bedauere, dass Mauro, Cristiano und Schon mit uns all dies nicht erleben können. Ich beschließe, eine der typischen Abkürzungen zu nutzen, die die Hügel der Toskana bieten, um Fotos von meinen Freunden zu machen. Vielleicht war es die Hitze, die Müdigkeit oder vielleicht auch nur das Pech, das noch nicht seine gesamte Wirkung entfaltet hatte, beim Aufsteigen spüre ich einen Stich im Brustkorb. Ein Muskelriss! Vom Geländefahren ist keine Rede mehr, es ist zu gefährlich, das Motorrad in diesem Zustand zu lenken. Daher habe ich frühzeitig und schweren Herzens die beiden „Überlebenden“ eines unglaublichen Wochenendes verlassen.
Wenn man eine Reise tut,… dann hofft man immer, dass alles gut geht, auch wenn sie nur kurz ist. Wenn es dann anders kommt, nicht verzweifeln! Oft sind es genau die negativen Erlebnisse, die das Unternehmen unvergesslich machen

Text und Foto: Marco Dionigi

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