Dual Mi 03 Oktober 2018

Zwischen Etrurien und dem Wilden Westen

Die Definition von „Local” (sprich: lokel): eine Person aus der großen Offroad-Motorradfahrer-Gemeinde, die bereit ist, für von weiter weg kommende Freunde Motorradtouren zum Kennenlernen der eigenen Umgebung zu organisieren. Die Truppe wird vom Local selbst angeführt, der sie auch mit Tracks und Tipps für den Trip versorgt. Die Aufgabe des Locals ist nicht leicht: Er muss eine Tour für alle Teilnehmer organisieren, die schwierig genug ist, um die Abenteuerlust zu befriedigen aber nicht so anspruchsvoll, dass sie die Motivation der nicht so geübten Fahrer im Keim erstickt. Gleichzeitig muss er die größtmögliche Zahl der Sehenswürdigkeiten seiner Heimat darin einbinden, das Ganze noch mit leckeren Abendessen garnieren und dann bleibt ihm nur auf schönes Wetter zu hoffen! Eigentlich eine Aufgabe für Masterstudierende der Elite-Uni Bocconi!
An einem heißen Sommerwochenende bin ich dran, diese Rolle zu übernehmen und eine Tour mit meinen Gefährten der Islandreise durch Etrurien zu organisieren und sofort stellt sich die Nervosität ein! Etrurien ist eine Region die viel zu bieten hat: Sie ist geschichtsträchtig, hat schöne Ecken und Dörfer aber in der Gruppe befindet sich auch ein Teilnehmer aus Piemont, der die Militärstraßen im Hochgebirge gewöhnt ist, die über Kilometer und Kilometer Offroad-Strecken in atemberaubenden Alpenlandschaften bieten. Die Umgebung Viterbos bietet nur Hügel und Feldwege, wie kann ich da mithalten?
Totaler Blödsinn! Unser schönes Italien sucht seinesgleichen, was die Vielfältigkeit von Landschaften und Regionen angeht; es genügt, die charakteristischen Seiten der Orte ans Licht zu bringen, um zwei Supertage zusammenzustellen! Ich beginne also mit der Planung indem ich auf den Überraschungseffekt setze.
Ich nehme allen Mut zusammen und schlage vor, in einer Grotte zu schlafen, statt im üblichen Agriturismo oder dem immer wieder gern genutzten Zelt. Erwartungsgemäß erzeugt die Neuheit die verschiedensten Reaktionen von Neugier bis Verständnislosigkeit, von Begeisterung bis Ratlosigkeit.
Aber das ist noch nicht alles…

Treffpunkt ist in meinem ländlich gelegenen Häuschen zum Abendessen. Ich gebe allen die Adresse und – unglaublich aber wahr –meine drei Gäste finden sie auf Anhieb. Das Abendessen, das auf uns wartet, ist was Besonderes… Etrurien ist eine ländliche Region und ich lebe in einem Dorf in dem alle (ich eingeschlossen) einen Gemüsegarten und ein paar auf den Feldern und Wiesen scharrende Tiere ihr Eigen nennen; eine Lebensweise, die für die Menschen, die in den großen Städten Norditaliens leben, schwer nachzuvollziehen ist. Das Menü des Abendessens ist also nicht nur regional sondern wie man bei uns sagt „0 km“, da alles aus meinem Garten stammt, inklusive dem schmackhaften Brathuhn aus dem Holzofen, das am Tag davor noch mit den Flügeln schlug (nehmt es mir nicht übel, liebe Veggies…).
Mit vollem Bauch stehen wir später vom Tisch auf. Inzwischen ist es draußen dunkel und wir sind bereit, zum Aufbruch im Licht der Scheinwerfer und des Mondes zum Nachtquartier.
Leider haben die starken Regenfälle der Woche viele Straßen unpassierbar gemacht, so dass wir beschließen, ein paar Strecken zu streichen. Trotzdem geht es durch Felder mit Gräsern, die bis ans Schutzblech reichen. Die Scheinwerfer erhellen die Spitzen der glitzernd grünen Halme bis kurz vor dem Augenblick an dem das Rad sie bei unserem Passieren sanft hinunterbiegt. Wir fahren vorsichtig voran, fast tastend, da wir nicht wissen, was sich im Dunkel der Nacht unter dem Gras versteckt.
So geht es weiter bis zum letzten Stück, das mit tückischen schlammigen Pfützen übersät ist und uns bis auf die Felsen von Corviano bringt, eine 30 Meter hohe Terrasse aus dem hier typischen Peperino-Tuffgestein. Von hier aus hat man einen herrlichen Ausblick auf das Tibertal, bloß dass es Nacht ist und wir es anhand der Lichter unten im Tal nur erahnen können.
Besser, wir ziehen uns in die Grotten zurück, jahrtausendalte in den Felsen gehauene Wohnstätten, die uns Schutz bieten, auch wenn nun wirklich kein Regen droht, im Gegenteil! Das Firmament mit den Sternen wölbt sich also nur über unsere Motorräder. Wir legen uns in unserer Grotte zum Schlafen und löschen die Lichter, die einen leicht skeptisch, die anderen aufgeregt über das ungewohnte Nachtlager.

Wie es sich für eine Schlafmütze wie mich gehört, stehe ich am Morgen natürlich als letzter auf. Die anderen sind schon draußen und machen von der Felskante aus Fotos. Die Morgendämmerung ist klar und wunderschön, der Tiber, die Hügel und die auf die Bergkuppen gebauten Dörfer Umbriens bilden eine fantastische Kulisse.
Total entspannt brechen wir auf: Die Tour ist ruhig und unseren Möglichkeiten und Maschinen angemessen und doch kommen wir auf 200 Kilometer mit vielleicht nur 30% Asphalt! Wir fahren den Hang des Berges Cimino hinauf, bis wir auf einem asphaltierten Stück über dem See Lago di Vico herauskommen. Von hier fahren wir in einen wunderschönen schattigen Buchenwald, und setzen die Fahrt nach Capranica fort.
Nachdem wir getankt haben, begeben wir uns zum Bahnhof und fahren auf die Zugtrasse – ja, richtig gehört! Piemont mag die Heimat der Militärstraßen sein, das Zentrum Italiens ist dagegen die der ungenutzten Eisenbahnstrecken!
Die in den 1920ern erbaute alte Strecke Orte - Civitavecchia ist eine dieser klassischen italienischen Geschichten eines unvollendeten Bauprojektes. Sie wurde Anfang der 90er fast vollständig wieder hergestellt aber es wurden nie Schienen verlegt, um den Betrieb aufzunehmen. So kommt es, dass wir eine 80 Kilometer lange unkomplizierte Offroad-Strecke mit gutem Untergrund haben, die praktisch bis zum Meer führt.
Wir setzen die Fahrt fort durch Tunnel, Gräben, Brücken und Bahnhöfe vom Beginn des letzten Jahrhunderts und kommen uns vor wie im wilden Westen.
Auf der Höhe des Flusses Mignone und der gleichnamigen Eisenbahnbrücke aus Stahl ist die Strecke durch einen Zaun versperrt, den wir umfahren müssten, um weiterfahren zu können. Unsere Tour führt uns aber über einen etwas anspruchsvolleren Karrenweg nach Monteromano. Wir fahren also nicht die ganze Eisenbahnstrecke, auf jeden Fall nicht dieses mal.
Bevor wir in den Ort gelangen machen wir Halt, um oben auf einem Hügel, von dem aus wir das Meer zu unseren Füßen sehen, Mittag zu essen. Zwei Scheiben Salami, ein bisschen Brot und wir sind wieder auf der Straße, um das Truppenübungsgelände von Monteromano zu durchqueren. Die dumpfen Schläge der Mörser in der Ferne aber lassen schon ahnen, dass wegen einer Übung die Tore zu sind, was uns ziemlich schnell von einer Routenänderung überzeugt. Wir fahren also einen Umweg über Feldwege, die durch große landwirtschaftliche Ländereien führen bis wir am Nachmittag den See von Bolsena erreichen. Müde, glücklich und zufrieden gönnen wir uns etwas zu trinken und ein-zwei Stunden Rast und Quatschen, wozu wir uns auf dem grasbedeckten Streifen des Seeufers von Montefiascone ausstrecken. Dann fahren wir für die Nacht in den kleinen Ort Vitorchiano, um dieses Mal in bequemen „herkömmlichen“ Betten zu schlafen.
Nach einem erholsamen Schlaf brechen wir am Sonntag ohne Eile auf und fahren auf asphaltierten Panorama-Straßen an der Grenze zwischen Umbrien und Latium bis nach Civita di Bagnoregio.

Das alte Städtchen Civita ist auf der Kuppe eines tönernen, bröckligen Berges errichtet, der fast die Form einer Sanduhr hat, und welcher der Natur jedes Jahr ein Stück abtritt. Aufgrund ihres drohenden Schicksals wird Civita „sterbende Stadt“ genannt, wegen der Erosion ihrer Basis.   
Ihr Anblick verzaubert die tausenden von Touristen, die jedes Jahr aus aller Welt kommen, um sie zu sehen. Jeder der auf dem Aussichtspunkt Belvedere ankommt, von dem aus man die ganze Stadt überschauen kann, ist fasziniert von diesem Pilz aus Tuffgestein und Ton. Er erhebt sich aus den Nebelschwaden des durchfurchten Tals und sein Schicksal hängt vom Regen ab, der bei jedem Schauer ein Stück von ihm mitnimmt und dabei gleichzeitig wie zur Entschuldigung jedes Mal diesem zauberhaften Ort etwas mehr Faszination schenkt.
Die Tour endet hier. Ich habe es nicht geschafft, das ganze Etrurien in diese zwei Tage hineinzupressen; zum Beispiel fehlen die Thermalbäder, aber ein Local muss ja nun auch etwas in petto haben, um der Gruppe den Mund für einen erneuten Besuch wässerig machen zu können, oder?

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