Woman's world Do 28 März 2019

DER GANZ NORMALE WAHNSINN AUF DER STRASSE - Eine Woche unterwegs im Norden Indiens

Die „Great (Nord-)India Tour” mit Touristenattraktionen der verschiedensten Art
Ich komme von einer Urlaubsreise nach Indien zurück und schreibe Pietro: „Du solltest die „Fahrzeuge“ sehen, die da auf den Straßen unterwegs sind…“ – „Du hättest einen Artikel über die Verkehrsmittel für uns schreiben können!!! …“ Ich hätte? Ich kann! Nach einer Woche in diesem wunderbaren Land in Asien, das so anders ist, als alles, was ich bisher gesehen habe – ich gebe zu, bisher fast nur innerhalb von Europa gereist zu sei. Wir besuchten Touristenattraktionen im Norden des immensen Indien: Agra mit seiner eindrucksvollen roten Festung, Zeuge der mächtigen Dynastien, die diese Gegend regierten und verteidigten. Den hohen Turm Qutb Minar in New Delhi, vor mehr als einem halben Jahrtausend gebaut, der eine Geschichte von Herrschaftswechseln erahnen lässt, von Hindus über Moslems bis hin zu den christlichen Engländern. Den Bazar in Jaipur, ein Paradies für alle, die das Feilschen lieben. Und als alternativen Programmpunkt die wunderschönen Naturressorts von Ranthambore mit Tigern, Pfauen, Hirschen und vielem mehr. Davon findet ihr mehr als genug in Reiseführern. Ich möchte euch vielmehr davon erzählen, was ich auf den Straßen gesehen habe, beim Hinausschauen aus dem Fenster des kleinen Busses, mit dem unser kleine Gruppe von Freunden während der „Great India Tour“ von einem Ort aus „Tausend und einer Nacht“ zum nächsten fuhr.

Ein riesiges Durcheinander… und es bewegt sich doch!
Eine Milliarde und dreihundert Millionen Menschen circa leben auf dem indischen Subkontinent und es scheint, als seien fast alle immer auf den Straßen, in einem Gewusel aus Lärm, Farben und Gerüchen. Die Menschen leben auf der Straße – da sind die, die kein Obdach haben und wortwörtlich dort leben, die wie der Barbier auf dem Fußweg arbeiten, wie der Schmied im Rinnstein, der Typ, der am Straßenrand in seiner „Werkstatt“ Motorräder repariert, der „Reifenservice“, der die Schläuche einfach über den Zaun des Stadtparks gehängt präsentiert. Dann sind da noch unendlich viele Menschen, die unterwegs sind, zu Fuß, mit Tieren, mit Fahrrädern und motorisierten Fahrzeugen in verschiedensten Varianten. Klar, dass die Straßen fast immer verstopft und überfüllt sind. Noch dazu laufen in den Städten nicht nur die berühmten Kühe frei herum, sondern auch Hunde, Ziegen, Affen… alle, was man sich denken kann. Und was macht der Eingeborene, wenn während der Stoßzeit eine Kuh seelenruhig die Hauptverkehrsader der Metropole überquert? Er macht einfach einen Bogen um sie. Das alles funktioniert aber nur mit beharrlichem Gehupe. Der Durchschnittsfahrer hupt mindestens alle 30 Sekunden. Die Hupe scheint das Wundermittel zu sein, das dafür sorgt, dass das tägliche Chaos reibungslos funktioniert. Das Ergebnis ist ein ohrenbetäubendes Konzert, das für uns Europäer auch erheiternd ist. Und es scheint zu funktionieren: Obwohl wir viel Zeit auf den Straßen unterwegs waren haben wir in einer Woche nur einen Unfall gesehen.
Trotz der langen Reisen von einer atemberaubenden Sehenswürdigkeit zur nächsten und von einer herrlichen Unesco-Stätte zur anderen wurde mir also fast nie langweilig, so viel gab es zu entdecken. Hier nun also einige kuriose Phänomene, die ich entlang der Straßen dieses Teils Nordindiens gesehen habe:

Mit zwei Rädern kommst du überall durch
Wie in allen Ländern mit viel Armut, ist das Motorrad eines der meist genutzten Fahrzeuge um von A nach B zu kommen – zumindest für die, die es sich leisten können. Keine Rennmaschine oder eine Luxus-Touring mit Koffern, ausgeklügelter Elektronik und starkem Motor. Der Großteil der Maschinen, die ich gesehen habe, sind naked, einfach und robust, oft von Suzuki, Honda oder vom indischen Hersteller Hero – einem der größten Motorradproduzenten weltweit. Denn um die Straßen und Wege in diesem Lande befahren zu können, müssen die Motorräder widerstandsfähig sein und natürlich günstig in der Anschaffung, wenn man die reduzierte Kaufkraft der meisten Inder bedenkt.
Natürlich ist das Motorrad hier kein Hobby für Sonntagsausflüge, wie es oft hierzulande der Fall ist, sondern ist unverzichtbar für den Transport von Personen und Gegenständen und wird dafür maximal ausgelastet. So haben wir ganze Familien auf einem Motorrad gesehen, drei bis fünf Personen sind nichts Außergewöhnliches. Dann ist auch noch Platz für den Koffer oder die Musikinstrumente einer ganzen Band – mitsamt den Musikern. Die Motorräder werden für den Transport der gemolkenen Milch benutzt, dann sind da die, an denen ein Dutzend Messingtöpfe baumelt, die zur Mittagspause an die geliefert werden müssen, die eine Arbeit haben.
Helme werden getragen – oder auch nicht; scheinbar gibt es nicht so viele Sanktionen für die, die ihn nicht aufsetzen. Der Verkauf der Helme findet – ratet mal wo – an der Straße statt, wo man sie auf Regalen aufgereiht sieht, durch Plastikplanen vor dem allgegenwärtigen Staub geschützt.
Keine Frage, auch die durch Muskelkraft angetriebenen Zweiräder spielen eine wichtige Rolle auf den Straßen Indiens. Alleine, mit mehreren in der Rickshaw oder zum Transport von Streetfood. So tauchen gegen Mittag Männer auf, die Fahrräder mit riesigen Kochtöpfen voller heißem Essen auf dem Gepäckträger schieben. Um ehrlich zu sein, hat mich der Anblick der Töpfe etwas davon abgeschreckt, mich ihnen zu nähern, aber ihr Inhalt konnte eigentlich nur „Dal“ sein, eine schmackhafte, scharfe Speise aus Linsen, die einer Suppe ähnelt und bei keiner Mahlzeit fehlt. Dal ist reich an Proteinen und wird mit einer Hand mit Hilfe eines kleinen Fladenbrotes gegessen (nur die Einheimischen schaffen das). So sind dann auch am Lenker des Fahrrads die Brotkisten befestigt. Viele Leute essen so auf der Straße zu Mittag.

Mehr Räder, größere Lasten
Dann sind da noch die Lastenräder, die anstelle des Hinterrades zwei haben, um große Holzladeflächen montieren zu können. Auch diese transportieren alles nur Denkbare: Herrliches Obst und Gemüse mit wunderbaren Farben, die zu großen Pyramiden aufgeschichtet werden, Gegenstände aller Art zum Verkaufen, Arbeitsgerät zusammen mit den Kollegen, die oben drauf sitzen usw. Und wenn der zu transportierende Gegenstand die Länge eines Sondertransportes hat, dann werden einfach rote Fähnchen an seinen Enden befestigt, um sich dann zwischen den anderen hunderten Fahrzeugen durchschlängeln zu können.
Wer es besser getroffen hat, fährt ein motorisiertes Lastenfahrzeug. Davon gibt es unendlich viele Versionen, auch weil die meisten vom Fahrer selbst gebaut zu sein scheinen, mit viel Fantasie aber sicher auch mit viel Geschick, wenn man die Knappheit der zur Verfügung stehenden Ressourcen bedenkt. Ich habe Motoren gesehen, die in ihrem früheren Leben Rasenmäher bewegten, Vespas oder was auch immer. Die mechanische Version der Reinkarnation…
Es ist an der Zeit euch vom König der indischen oder gar asiatischen Städte zu erzählen, allein aufgrund der Zahl. Sicher habt ihr es in Filmen oder auf Fotos schon gesehen: das Tuk-Tuk, das Rickshaw-Auto, ähnlich einer Piaggio Apecar, dessen Zweitaktmotor wirklich „tuk tuk“ macht – wenn alles gut geht, denn viele Exemplare scheinen fast auseinanderzufallen. Die Anzahl der Personen, die dieses „Taxi“ befördern kann, ist undefinierbar. Wie alle Gefährte, die ich auf dieser Reise gesehen habe, füllen die Inder es mit einer unglaublichen Zahl von Personen an. Die Tuk-tuks sind an der Seite offen und im frenetischen Verkehr mit dem Ellenbogen draußen zu reisen, kann nicht nur sehr aufregend sein sondern auch leicht ungesund.

Der Luxus der Fortbewegung auf vier Rädern
Während dieser Woche haben wir die Bequemlichkeit und die Sicherheit der vierrädrigen geschlossenen Fahrzeuge wirklich zu schätzen gelernt, die wunderbarerweise irgendwie durch die Engpässe des Verkehrsgewühls gelangen. Zunächst möchte ich euch unseren Kleinbus vorstellen. Eine Art Transporter mit ca. 15 Plätzen, Klimaanlage und zusätzlich installierten Ventilatoren, die den Komfort noch erhöhen – mit gut sichtbar aus der Verkleidung hängenden Kabeln, welche Zeugnis geben von der Professionalität ihres Installateurs… Viele Touristen reisen mit derartigen Bussen. Unser Fahrer hatte sogar eine entsprechende Lizenz, die er den Polizisten bei einer Verkehrskontrolle präsentieren musste (ja, die gibt’s, wir hatten sie zweimal!!!)  
Als Europäer, die wir nun einmal sind, hatten wir natürlich so viel Gepäck, dass einige Koffer auf dem Dach mit Stricken festgeschnürt reisen mussten. Anfangs haben einige von uns doch manchmal aus dem Rückfenster geschaut, aus Angst, was zu verlieren…
Der Bus klapperte und quietschte aber mit einer Kühlbox voller Wasser und indischem Bier, den Tüten mit Obst und Keksen unter den Sitzen und der fröhlichen Gesellschaft unserer tollen Gruppe – einschließlich der indischen Freunde, die alles organisiert, uns geführt und sich rührend um uns gekümmert haben – war es wirklich eine schöne Art zu reisen.

Maximal ausgenutzte Fahrzeuge
Der größte Teil der Menschen reist nicht so komfortabel: Die Kleinbusse, Linienbusse und Taxen sind fast immer so voll, dass sie mit offenen Türen reisen und Menschen von außen dranhängen.
Eindrucksvoll sind in dieser Hinsicht auch die Traktoren, denen wir meist außerhalb der Stadt begegnet sind: Die Menge an Heu, die mit Hilfe von Planen darauf gebunden werden, ist unglaublich und übersteigt zweifelsohne jegliches zulässiges Maximalgewicht. Ab und an hört man in der „Stille“ der Landstraße von ferne dumpfe rhythmische Schläge, etwas später erkennt man die Melodie eines indischen Hits bis man beim Schauen in die Richtung, aus der dieses Getöse kommt, einen Trecker ausmacht mit großen Boxen auf den Schutzblechen. Die Typen, die diese bunt geschmückten Arbeitsfahrzeuge steuern, wissen ganz genau, dass sie Aufsehen erregen und ihre Umgebung unterhalten.
Vielen dieser Fahrzeuge ist gemeinsam, dass ihre Rückseite mit Schriftzüge übersät ist: „Horn please!“ Jetzt verstehen auch wir Europäer den Grund für dieses Ohren betäubende Hupkonzert! „Dipper at night!“ Tatsächlich blenden dich nachts die Fernlichter der entgegen kommenden Fahrzeuge. Oft liest man Sätze mit Segenswünschen für den Fahrer, an wen die gerichtet sind, hängt von dessen Konfession ab. Viele haben kleine Figuren ihrer Gottheiten auf ihrem Armaturenbrett befestigt mit derselben Intention. Alles in warmen, hellen, leuchtenden Farben, die einen starken Kontrast zum Grau des Staubes und der Abgase bilden.

Auf vier Pfoten auf der Umgehungsstraße
Ich muss sagen, dass die vielen Vierbeiner inmitten der immensen Städte – New Delhi z. B. hat mehr als 20 Millionen Einwohner – mich überrascht haben. Ok, die Kühe, das wissen ja sogar wir, dass die in Indien heilig sind. Streunende Hunde, klar, das war vorherzusehen. Auch die Pferde werden natürlich gebraucht, um Karren zu ziehen. Exotischer waren da schon die Elefanten mit ihren mit bunten Ornamenten bemalten Köpfen, die die Umgehungsstraße entlangliefen oder die an der Straße „geparkten“ Kamele. Das Überraschendste waren für mich dagegen die Wildschweine die teilweise in Rudeln in den Städten unterwegs waren und im Müll, der überall verstreut liegt, nach Essbarem wühlten

Die Langeweile auf den italienischen Straßen…
Wieder in Italien zurück, haben sich einige aus unserer Gruppe dazu verleiten lassen, einfach mal so ohne Grund zu hupen. Bei uns scheinen die Straßen leer im Vergleich, fantasielos. Wenn ich die riesigen Autos sehe, mit denen sich eine einzelne Person fortbewegt, fallen mir die Scooter ein, die auf der anderen Seite des Globus drei Generationen gleichzeitig befördern. Klar, unsere Art der Fortbewegung ist sehr viel sicherer und bequemer aber Hut ab vor diesem Volk, das Autos mit dem Klebeband repariert und sich in der maßlosen Konfusion so entspannen kann, dass sogar ein Mittagsschläfchen vor der Autobahnmautstelle möglich ist.
Auf jeden Fall behalte ich von der Reise die Farben, Geräusche und das Lächeln der Menschen mit, die uns mit der gleichen Neugier musterten, wie wir sie. Natürlich ist nicht alles perfekt in Indien, die Armut von vielen Menschen ist nicht zu übersehen. Aber dass dieses Chaos scheinbar ohne Ordnung, Schema und Regeln funktioniert, hat mir einmal mehr gezeigt, dass die Welt eben nicht überall nach unserer, der sogenannten westlichen Logik funktioniert. Oder, wie unser Freund Riddhish sagte, der uns in diesen Tagen mit seiner Familie begleitet hat: „Ihr fragt euch, wie ein so großes Land bei so einem riesigen Durcheinander funktionieren kann, oder?“

Text und Videos: Eva-Maria Potthast
Fotos: Eva-Maria Potthast und Riddhish Jalnapurkar

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